„Wie hörst du zu?“ - Eine ökopsychologische Pilotstudie als Grundlage für ein Modell der Audiobiographie
Projektleiter
Waid, Albin (wal@ph-linz.at)
Projektbeschreibung
Der hörende Mensch ist in seinen psychophysischen Prozessen des Erlebens, Denkens und Handelns stets in eine sich wandelnde akustische Umwelt (vgl. SCHAFER 1994, S. 71ff.) eingebunden, mit der er in Interdependenz steht (vgl. CLARKE 2005, 19ff.). Die damit verbundenen Hörprozesse erfolgen nicht isoliert, sondern sind in die jeweiligen Lebensverhältnisse des Individuums eingebettet (vgl. MOGEL 1984, 13ff. sowie 27f.; MOGEL 1985, 126ff.) und geprägt durch die individuelle Audiobiographie (zur psychologischen Biographik siehe THOMAE 1996, 11ff.). Diese wird im Zuge des vorliegenden Forschungsprojekts als eigenständiges psychologisches Modell begründet und entwickelt, wobei insbesondere die Interrelation von Lebensverhältnissen, Biographie und aktuellem Hörerleben (sowie Hörverhalten) untersucht wird. Eine ganzheitliche Psychologie des Hörens nähert sich diesen Zusammenhängen mit folgenden Fragestellungen an:
Wie nehmen hörende Menschen alltägliche Klänge wahr? Wie gestalten sie ihre persönlichen Hörräume? Wie nutzen und selektieren sie klangliche Medien zur Regulation des psychischen Geschehens? Wie werden akustische Ereignisse erinnert und interpretiert? Welche Bedeutungen werden diesen zugeschrieben? Welche Lebensthemen sind mit konkreten Klangerfahrungen verbunden?
Das Hören wird als zentraler Akt unserer Weltbegegnung in seiner biographischen und individuellen Dimension sichtbar (vgl. WERNER 2006, 36; WINKLER 2002, 58f.). Ziel des vorliegenden Forschungsprojekts ist die idiographische, ökopsychologisch valide Exploration von Hörerleben und Hörverhalten im Alltag als Grundlage für die Entwicklung eines empirisch gestützten und theoretisch fundierten Modells der Audiobiographie beim Menschen.
Methodologie
Der empirische Teil gliedert sich in Vor- und Hauptstudien, die an der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz sowie an ausgewählten Partnerhochschulen durchgeführt werden. Die transkulturelle Perspektive in Bezug auf Hörerleben und Hörverhalten widmet sich der Frage nach kulturspezifischen und universalen Ausprägungen des Hörens im Rahmen der Audiobiographie (vgl. hierzu den Begriff der „invariants“ bei CLARKE 2005, 34ff.).
Das Hören im Alltag wird in teilstrukturierten Interviews exploriert (zur Alltagsvalidität psychologischer Forschung siehe MOGEL 1984, 162ff.). Der Interviewleitfaden umfasst die folgenden Themenbereiche: (1) akustische Wahrnehmung, (2) Tagesablauf, (3) Biographie, (4) Hörverhalten (Musikrezeption), (5) Funktionalität und Intentionalität des Hörens sowie (6) offene Fragen und (7) spezifische Fragen für Musiker; der Versuchsleiter achtet bei der Durchführung der Interviews auf ein positives Gesprächsklima, um einen adäquaten Raum für authentische persönliche Erzählungen zu schaffen. Die Eröffnungsfrage zur Aktualgenese akustischer Wahrnehmung gibt den ProbandInnen die Möglichkeit, sich auf das eigene Hörerleben im Hier und Jetzt zu fokussieren. In der Folge werden typische Tagesabläufe und Hörräume sowie die wichtigsten biographischen Stationen thematisiert. Die Interviews werden vom Autor mit einem Zoom H2 Digitalrekorder im WAV-Format akustisch aufgezeichnet und in der Folge eigenhändig transkribiert.
Die Daten der Vorstudien (an der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz, am Mater Dei Institute in Dublin und an der Universität Roma Sapientia) werden inhaltsanalytisch ausgewertet und dienen als Grundlage für ein Primärmodell der Audiobiographie. In den folgenden Hauptstudien (an der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz, an der Universität Edinburgh (Schottland) und an der Universität Bodö (Norwegen) wird dieses Primärmodell empirisch erprobt und zu einem Sekundärmodell der Audiobiographie weiter entwickelt. InterviewpartnerInnen sind durchwegs Studierende an der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz sowie Studierende an den genannten Partneruniversitäten. Die Daten aus diesen Interviews werden durch exemplarische Interviews mit KlangexpertInnnen (BerufsmusikerInnen, DirigentInnen, AudiokünstlerInnen etc.) ergänzt. Parallel zu den qualitativen Hauptstudien zur Audiobiographie wird mit einem Teil der ProbandInnen an der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz eine EEG-Studie durchgeführt, bei der die mit persönlichem Hörerleben und Hörverhalten verbundene Gehirnaktivität neurophysiologisch aufgezeichnet und ausgewertet wird. Die in diesem Forschungsprojekt angestrebte ganzheitliche Psychologie des Hörens stützt sich somit auf eine Kombination von qualitativen (Exploration) und quantitativen (EEG) Methoden, wodurch erstmals audiobiographische Inhalte mit hirnphysiologischen Daten in Beziehung gesetzt werden können.
Erwartete Resultate
Die Psychologie des Hörens will zeigen, dass das Hören (1) eine zentrale Komponente im Gegenstandsbezug des Menschen darstellt, (2) sowohl kulturell spezifisch als auch transkulturell universell verläuft, (3) in definierbaren Hörräumen erfolgt, (4) audiobiographisch geprägt ist, (5) ein interaktiver Vorgang ist, (6) bedeutend für Fundamentale Lebenssysteme des Menschen ist (zur Geborgenheit siehe MOGEL 1995, S.117ff.) und (7) durch Sensibilisierung, bewusstes Hören und Hörtherapie optimiert werden kann (vgl. TOMATIS 2009, 187ff.). Durch die Interrelation von Hörerleben, Hörverhalten und persönlicher Biographie sind starke individuelle Ausprägungen in der Audiobiographie zu erwarten. Diese werden unter anderem in emotionalen und affektiven Bewertungsprozessen (vgl. MOGEL 1984, 94ff.; MOGEL 1985, 99ff.), aber auch in der thematischen Akzentuierung und den damit verbundenen Konnotationen von Klängen vermutet. Eine Exploration zu Hörerleben und Hörverhalten ist immer auch Intervention: als Begleiteffekt der Befragungen wird eine gesteigerte Bewusstseinsbildung bei den ProbandInnen im Hinblick auf die Bedeutung und Funktionalität der auditiven Wahrnehmung erwartet. Dieses gesteigerte Hörbewusstsein ist gerade im Hinblick auf die zukünftige berufliche Tätigkeit der ProbandInnen im Schulumfeld von zentraler Bedeutung, stützt sich menschliche Kommunikation und Interaktion doch zu einem bedeutenden Teil auf die Funktionalität und Intentionalität des Hörens.
Erste Resultate aus den Vorstudien deuten bereits darauf hin, dass die Teilnahme an den Interviews zur Audiobiographie bereits nach einem Erstgespräch zu einem gesteigerten Hörbewusstsein im Alltag führen kann.
Literaturverzeichnis
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Schafer, R. M. (1994). The Soundscape. Our Sonic Environment and the Tuning of the World. Destiny Books: Rochester, Vermont.

Forschungsprojekte
VaKE I
Kooperationsprojekte





