EP-Fachtagung: "SMARTaufwachsen"
StudiumLinz – 8. Oktober 2026
Nach historischem Semesterstart (Tips-Bericht) und Rekordzahlen in Aus-, Fort- und Weiterbildung bei der boomenden Elementarpädagogik, füllten bei der 5. Fachtagung des Forums "Denkwerkstatt" und des Instituts Medienbildung knapp 500 Gäste die AULA der PHDL erneut bis zum letzten Platz wie im Vorjahr. Diesjähriges Tagungsthema: SMART aufwachsen.
Die enorme Nachfrage ist bezeichnend dafür, wie zentral elementarpädagogische Fragen für das Aufwachsen in einer mediatisierten Gesellschaft geworden sind. Wie Kleinkinder gesund aufwachsen, wenn Bildschirme zum Alltag gehören, wurde heute Abend mit großer Neugierde diskutiert.
5. Fachtagung des EP-Forums “Denkwerkstatt”
Kaum ein Thema liegt näher an dem, was Pädagogik täglich zu leisten hat: Entwicklung ermöglichen, bevor Geräte sie vorwegnehmen.
Nach Grußworten der Tagungsleiterin Roswitha Hofer, MA (Studienleiterin Elementarpädagogik) und Dr.in Beatrix Hauer (Institutsleiterin Ausbildung) setzten Dr.in Arnika Thiede und Christoph Rosenthaler, MA vom Institut für Sinnes- und Sprachneurologie der Barmherzigen Brüder Linz in Kooperation mit Dr.in Petra Traxler, Anna Weghuber, MEd und Thomas Wimmer, MEd (Projektteam SMARTaufwachsen) den Auftakt.
In der ersten Key Note des Abends gaben Thiede und Rosenthaler einen medizinischen Einblick in die Folgen früher Bildschirmnutzung. Für die elementare Bildung ist das kein Randthema. Was nämlich in den ersten Jahren an Sprache, Bewegung und Beziehung nicht entsteht, lässt sich später kaum nachholen.
Bildschirmfrei von 0 bis 3
Thiede und Rosenthaler verwiesen u.a. auf Daten zu Familien mit Kindern zwischen zwei und sechs Jahren: Bei Dreijährigen stehe dem Bücherlesen von rund 38 Minuten am Tag bereits etwa 62 Minuten Fernsehen, Streaming und Online-Video gegenüber. „Bei Zwei- und Dreijährigen ist das zu viel. Es gibt kein sinnvolles Ziel außer: so wenig wie möglich“, so die beiden. Da zählt auch nicht die Minute in der frühkindlichen Bildung. Sondern das, was sie ersetzt: gemeinsame Aufmerksamkeit, Sprache und Bewegung.
Zum Vergleich: “Vorlesen” ist langsam, dialogisch und am Kind orientiert. Der Bildschirm dagegen antwortet nicht. Solange die Erstsprache nicht stabil ist, ersetze ein digitales Angebot keine Sprachbegleitung. Auch die elterliche Nutzung zählt: Liegt das Gerät dauernd zwischen Bezugsperson und Kind, bleibt die feinfühlige Reaktion aus, auf der Bindung in den ersten zwei Jahren beruht.
Verpasste Entwicklungsfenster
„In den ersten Lebensjahren, ungefähr bis zum sechsten Jahr, werden massenhaft Synapsen gebildet. Ab etwa vier Jahren beginnt das Gehirn, Verbindungen, die es nicht braucht, wieder abzubauen. Das ist Optimierung. Was wir täglich brauchen, bleibt; was wir nicht brauchen, geht verloren. Bei viel Bildschirmnutzung spricht einiges dafür, dass der visuelle Bereich mehr Raum einnimmt. Andere Bereiche werden dann kleiner: motorischer Cortex, Sprachverarbeitung und die emotionale Steuerung.“
Für das pädagogische Handlungsfeld heißt das: In dieser Phase haben Bewegung, Sprache und Regulation Vorrang vor schnellen visuellen Reizen.
Elterliche Mediennutzung unterbricht Bindung
„Liegt dauernd ein Bildschirm zwischen Eltern und Kind, kommt es zu Unterbrechungen. Die Reaktion fällt aus, kommt verspätet oder genervt. Passiert das regelmäßig und täglich, kann das Kind ein unsicheres Konzept von Beziehungen entwickeln: weniger Vertrauen in Nähe und schwächere soziale Kompetenz“, erklärte Rosenthaler.
Aus pädagogischer Sicht weiß man: Bindung ist die Voraussetzung für späteres Lernen. Relevant ist deshalb nicht nur eine Medienregel für das Kind, sondern die geteilte Aufmerksamkeit im Alltag.
Zurück in die Wirklichkeit
„Digitales im Kindergarten kann Sinn machen, wenn ein Kind einen Käfer entdeckt und man nachschaut: So schaut er aus, dazu ein paar Bilder, vielleicht eine Geschichte. Danach führt man wieder zurück.“ Interaktiv heiße also: gemeinsames Tun, aber mit Rückbindung an die reale Welt. Aber: „Mit Schulbeginn kommen die Kinder ohnehin mit den nötigen Fertigkeiten in Kontakt“, so die Kinderärztin Thiede.
Eltern auf den eigenen Konsum ansprechen
„Eltern sollte man freundlich auf ihren eigenen Medienkonsum hinweisen und sie bitten, ihn zu überdenken. Die wichtigste Begleitung des kindlichen Konsums sind die Eltern“, empfehlen die Vortragenden. Denn: Regeln für Kinder bleiben unglaubwürdig, wenn das Gerät der Bezugsperson dauernd zwischen beiden liegt.
Schutz und Befähigung gehören zusammen
In der zweiten Keynote wollte Elisabeth Freund in ihrem Vortrag „Gesundheit und Medienkompetenz Hand in Hand“ den Schutz und die Förderung miteinander verbunden sehen. „Schutz ohne Befähigung kann isolieren. Befähigung ohne Schutz überfordert das ganz junge Kind“, so Freund. Dabei unterschied sie Medienkompetenz von Medienmündigkeit.
Medienkompetenz sei das Können, das nicht beim Gerät beginnt, sondern dort, wo Erwachsene Risiken begrenzen und zugleich Grundlagen für eine spätere selbstbestimmte Nutzung legen. Und Mündigkeit sei die Haltung, mit der Kinder später selbstbestimmt und sicher nutzen.
Beides sei eine große Aufgabe. Orientierung dafür biete das Programm “ECHT DABEI” mit dem SESAM-Konzept: fünf Handlungsfelder, die Schutz und Förderung im pädagogischen Alltag verbinden, statt sie gegeneinander auszuspielen.
Am späteren Abend öffneten Impulsräume den Weg in die Praxis: von der Medienbildung im Kindergarten über die Kompetenzen frühpädagogischer Fachpersonen bis zu “Safer Internet”.
