Dieser Forschungsschwerpunkt ist innerhalb der Forschungsmatrix den Forschungsbereichen “Elementar-, Primar- und Sekundarstufenpädagogik”, der “Pädagogischen Professionalisierung” sowie “Religion und Partizipation” zugeordnet und korrespondiert dabei mit den übergeordneten Forschungshorizonten “Freiheit in Verantwortung”, “Friede in Achtsamkeit” sowie “Schöpfungsbewahrung in Demut”. Letztere adressieren dabei wichtige Strukturelemente zukunftsweisender Bildungs- und Forschungsarbeit, u.a. Partizipation und Emanzipation.
An diese Strukturelemente anschlussfähig sind sogenannte "emanzipatorische Lerngelegenheiten" (Reitinger et al., 2021, S. 268). Solche Lerngelegenheiten ermöglichen Mit- und Selbstbestimmung, stärken die Eigenverantwortlichkeit der Lernenden, machen die Prinzipien einer politischen Bildung (Polity, Policy, Politics) erlebbar und befreien zugleich von bevormundenden Strukturen. In einer gerechten, demokratischen Gesellschaft sind Bildung, Persönlichkeitsentwicklung und Mündigwerdung ohne die aktive Beteiligung aller Lernenden entsprechend ihrer individuellen Motivationen und Ressourcen sowie das dafür notwendige gegenseitige Vertrauen nicht denkbar. Emanzipatorische Lerngelegenheiten, welche eine solche Beteiligung ermöglichen, repräsentieren auf Basis dieser Definition einen diversitätssensiblen und inklusiven Ansatz und adressieren damit alle Lernenden.
In solchen Lerngelegenheiten stellen sich unter anderem auch die Fragen, wie aktuelle und zukünftige Herausforderungen von Individuen und von der Gesellschaft gemeistert werden können und wie der Mensch gegenwärtig und in Zukunft leben will. Kompetenzen zur gelingenden Gestaltung des Lebens werden ermöglicht, indem Anliegen, Bedürfnisse, Wünsche, Ängste, Ziele und Potenziale der Lernenden artikuliert werden dürfen, Anerkennungs- und Resonanzerfahrungen erlebbar werden und in Folge inhaltliche, methodische und soziale Partizipation der Lernenden in der Findung von Antworten zur Selbstverständlichkeit evolvieren. In emanzipatorischen Lerngelegenheiten werden mögliche Zukünfte antizipiert („Futures Literacy“; Miller 2018) und Antworten auf persönlich, gesellschaftlich, moralisch und politisch relevante Problemstellungen gefunden. Solche Lerngelegenheiten werden als „Schmiede für partizipativ und demokratisch erarbeitete Zukunftslösungen“ verstanden (Reitinger, 2024).
Insgesamt versteht sich der hier dargelegte Forschungsschwerpunkt im Besonderen als eine wissenschaftliche Befassung mit einer Pädagogik der Teilhabe, dem Schutz der Individuen, der Emanzipation, der Unterstützung der Mündigwerdung bzw. des Mündigseins, der sozialen Gerechtigkeit und nicht zuletzt den tatsächlichen Möglichkeiten einer Implementierung emanzipatorischer Lerngelegenheiten aus pädagogisch-praktischer und rechtlicher Sicht.
Forschungsaktivitäten, die sich auf diesen Forschungsschwerpunkt einlassen, bieten damit konstruktivistischer Pädagogik, Lerngelegenheiten zur moralischen Entwicklung, politischer bzw. demokratischer Bildung und forschendem Lernen eine Bühne der Auseinandersetzung. Sie stellen sich der Beforschung kleinerer Alltags- und größerer Zukunftsfragen und lassen sich dabei auf den Prozess der kritischen Entwicklung paradigmatisch „anderer“ Bildungsszenarien ein. Solche Bildungsszenarien können sich sowohl auf schulische als auch hochschulische Lerngelegenheiten aus sämtlichen Curricula beziehen und in Einzelfällen sogar darüber hinausreichen – zum Beispiel durch die direkte Einbindung von Studierenden in Third-Mission-Initiativen oder kollaborative hochschulische Forschungsprojekte.