Medienbildung statt Manipulation

Bildung

Ausgebuchter Abend mit Peter Filzmaier

Politikwissenschaftler Peter Filzmaier bei seinem Vortrag an der PHDL

Linz – 10. November 2025

„Deepfakes, Desinformation und die Zukunft der Demokratie“ lautete das Thema eines hochkarätig besetzten Abends, zu dem der OÖ. Presseclub am 10. November 2025 an die Pädagogische Hochschule der Diözese Linz (PHDL) lud. Das Interesse war enorm: Die Aula mit rund 480 Plätzen war restlos ausgebucht, zusätzlich wurde ein Livestream im benachbarten Hörsaal eingerichtet.

Auftakt mit klaren Worten

PHDL-Rektor Johannes Reitinger eröffnete als Gastgeber den Abend und betonte, dass Tatsachen den Menschen zumutbar seien und eine kritisch-reflexive Medienbildung eine diskursive Begleitinstanz für eine "wünschenswerte Zukunft" sein könne. 

Presseclub-Präsidentin Christine Haiden hob die Verantwortung des Journalismus in Zeiten digitaler Manipulation hervor und Raiffeisenlandesbank OÖ-Sprecherin Jutta Oberweger unterstrich die enge Zusammenarbeit mit der Bildungsdirektion Oberösterreich und der PHDL für das gemeinschaftliche Projekt einer Medien- und Demokratiediskussion.

Medienbildung statt Meinungsblasen

In seinem Impulsvortrag zeigte Politikwissenschaftler Peter Filzmaier, wie eng politische Meinungsbildung, Medienvertrauen und digitale Kompetenz heute miteinander verflochten sind. „Was wir über Politik wissen – oder zu wissen glauben – erfahren wir fast ausschließlich über Medien“, so Filzmaier. Der profilierte ORF-Experte argumentierte, dass die durch soziale Medien fragmentierte Öffentlichkeit von „Scheinbarwissen“ geprägt ist.

Digitale Selbstüberschätzung als Gefahr

Mit Verweis auf klassische Kommunikationstheorien machte Filzmaier deutlich, dass Desinformation kein neues Phänomen ist, wohl aber ein gefährlicheres. Früher seien Gerüchte oder manipulierte Botschaften lokal begrenzt gewesen, heute würden sie „in Sekunden global multipliziert“. Und: „Das Problem ist nicht, dass Menschen Desinformation begegnen“, so Filzmaier über das Paradoxon der Selbstwahrnehmung, „sondern dass sie glauben, immun dagegen zu sein.“

Tatsächlich zeige die aktuelle Forschung eine große Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung: Laut einer vom Institut für Strategieanalysen durchgeführten Befragung sehen rund 80 Prozent der Bevölkerung Fake News als ernsthafte Gefahr für die Demokratie. Gleichzeitig sind nur acht Prozent überzeugt, sie könnten Falschmeldungen sicher erkennen. „Diese fehlende Selbsterkenntnis ist das Dilemma unserer Zeit“, sagte Filzmaier – und spielte ironisch auf Boris Beckers legendäres „Ich bin drin!“ an: „Heute sind wir alle online, aber nicht unbedingt kompetent.“

Bildung als Schutzfaktor der Demokratie

Im Fazit forderte Filzmaier einen Perspektivwechsel: Medienbildung müsse man “verdoppeln, vervierfachen, verachtfachen” und als Querschnittsaufgabe in Schulen, Hochschulen und der Erwachsenenbildung verstanden werden. Bildung sei die wirksamste Waffe gegen populistische Vereinfachungen und gezielte Manipulation. “Mediennutzungskompetenz ist daher eine Basis- und Schlüsselqualifikation unserer Gesellschaft. Das nicht zu haben ist so, als würden Sie nicht lesen, schreiben und rechnen”, so Filzmaier. Seine Kritik an der Nicht-Umsetzung in der Praxis: "Medienbildung ist eines von mehr als 10 Unterrichtsprinzipien.“

Recht, Politik und Medien im Gespräch

Auf dem Podium diskutierten anschließend Bildungsminister Christoph Wiederkehr, Digitaljurist Matthias C. Kettemann, Publizistin Livia Klingl und Peter Filzmaier über Wege, wie Politik, Bildung und Medien gegen Desinformation vorgehen können. ORF-OÖ-Chefredakteur Stefan Hartl moderierte die angeregte Diskussion.

Bildungsminister: Medienbildung braucht Anreize

Bildungsminister Christoph Wiederkehr betonte, dass die sinkende Lese- und Medienkompetenz nicht nur Schüler:innen, sondern noch stärker die Erwachsenen betrifft, deren Erreichbarkeit für Weiterbildung ohne intrinsische Motivation politisch am schwierigsten ist. “Ich glaube, das geht nur über positive Anreize, über Information und über eine lebendige Demokratie und Medienlandschaft, wo auch sachliche, fundierte Informationen eine Breite der Bevölkerung erwischt.”

Als konkrete politische Antwort auf diese Krise strebe die aktuelle Regierung die Einführung eines eigenen Fachs für Demokratiebildung in den Schulen sowie eine verstärkte Demokratievermittlung in der Lehrer:innen-Ausbildung an. “Ich glaube, wir müssen uns auf die Hinterbeine stellen und uns gemeinsam über Politik, Medien und andere Gesellschaftsbereiche engagieren.” 

Beifall erntete Filzmaier in dem Zusammenhang für den Satz: “ich verstehe auch nicht, warum sich politische Bildung oder Demokratiebildung und Medienbildung nicht zu einem Prinzip zusammengefasst haben.” Denn drei Dinge würden dagegen helfen: "Demokratie und Medienbildung. Demokratie und Medienbildung. Demokratie und Medienbildung."

Außerdem forderte Bildungsminister Wiederkehr eine konsequente Einforderung des Kinderschutzes im digitalen Raum und betonte in dem Zusammenhang die dringende Notwendigkeit der Aufklärung und Weiterbildung der Elterngeneration, da diese oft Schwierigkeiten hat, Regeln für die digitale Lebensführung ihrer Kinder zu definieren und die Aktivitäten im Netz ernst zu nehmen. „Was 13-Jährige für gewaltsame oder sexualisierte Videos sehen, ist mit keinem Kinderschutz irgendwie vereinbar.“ 

Plattformrecht und Zukunftsangst

Digitaljurist Matthias C. Kettemann sprach beim Thema Desinformation von einer unzureichenden Plattform-Moderation und verwies dabei auf EU-Regulierungen wie den DSA (oder DMA) oder auf existierende Sanktionsmöglichkeiten durch Aufsichtsbehörden wie KommAustria. “Wir haben das Recht, wir müssen es nur umsetzen”, so Kettemann. Die dringlichste Aufgabe sei daher nicht die Schaffung neuer Gesetze, sondern die konsequente und effektive Durchsetzung der bereits geschaffenen Rechtsmittel durch die nationalen und europäischen Aufsichtsbehörden.

Publizistin Livia Klingl konstatierte, dass die digitale Kommunikationslandschaft von einer massiv gestiegenen Aggressivität und Herabwürdigung geprägt sei, die sie als ein Symptom der verbreiteten Zukunftsangst in der Gesellschaft interpretiert. Diese „unsozialen Medien“ beförderten die Ängste und die Unfähigkeit, selbst einfache Informationen korrekt zu lesen, da Vorkenntnisse die Wahrnehmung überlagern würden.

Unter der ruhigen und sachlichen Moderation von ORF-OÖ-Chefredakteur Stefan Hartl kam man am Ende zur Übereinstimmung, dass demokratische Bildung, digitale Kompetenz und professionelle Medienarbeit entscheidende Faktoren im Kampf gegen Desinformation sind.

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Beitrag von ORF OÖ

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(©PHDL)