10 Jahre L.E.V.
StudiumLinz – 7. März 2026
Was vor zehn Studienjahren mit dem österreichischen Pionierprojekt L.E.V. (= Lernen durch Engagement und Verantwortung) als fest verankerte Säule im Curriculum der Pädagogischen Hochschule am Linzer Freinberg begann, ist heute Kompass und Herzstück einer werteorientierten Pädagogik. Seither haben rund 1.500 Studierende der PHDL insgesamt ca. 75.000 Stunden soziales Engagement (50 Stunden pro Kopf) geleistet.
In einer randvollen AULA mit insgesamt mehr als 500 Menschen wurde heute dieses Engagement im Rahmen der Jubiläumsveranstaltung mit hochkarätigen Vorträgen und prominenten Gästen wie etwa Bildungsminister Christoph Wiederkehr, Landeshauptmann Thomas Stelzer oder der ehem. Präsidentin des Obersten Gerichtshofes Irmgard Griss gewürdigt.
Demokratisierung durch Austausch mit NGOs
Das Ehrenamt ist ein massiver Wirtschaftsfaktor. Würde man die geleisteten Stunden der Oberösterreicher:innen mit einem marktüblichen Lohn gegenrechnen, ginge es um eine Wertschöpfung von etwa 3 bis 4 Milliarden Euro pro Jahr im Land. Doch der gesellschaftliche und persönliche Mehrwert lässt sich in Euro kaum beziffern, wie L.E.V.-Initiatorin Elisabeth Hueber-Mascherbauer in Bezug auf den "Marktplatz der Sozialeinrichtungen" an der PHDL betonte:
„Sie [die NGOs] sind es, die diesen Tag lebendig machen und die zeigen, wie Verantwortung in der Praxis aussieht. [...] Denn Demokratie lebt davon, dass wir Perspektiven wechseln.“ Wer im Obdachlosenheim oder in der Flüchtlingshilfe gearbeitet hat, versteht später im Klassenzimmer besser, warum ein Kind vielleicht unkonzentriert oder verhaltensauffällig ist. Studierende verlassen ihre eigene „Blase“ und begegnen Menschen mit völlig anderen Lebensrealitäten (Armut, Flucht, Behinderung). Durch die persönliche Begegnung werden Vorurteile abgebaut.
Inklusion lerne man nicht aus dem Lehrbuch, sondern durch die Praxis, so Hueber-Mascherbauer. Engagement gebe den Studierenden das Gefühl, etwas bewirken zu können. Und umgekehrt steigert ihre Zuwendung die Lebensqualität der betreuten Menschen. "Ich wünsche uns eine Schule, in der jedes Kind gesehen wird."
L.E.V.: Freiheit in Verantwortung
In seiner Eröffnungsrede setzte Rektor Johannes Reitinger das neue Leitprinzip der PHDL „Freiheit in Verantwortung“ in die Trias mit Lernen und Engagement, indem er das Konzept des Service Learnings als „aktive pädagogische Methode“ rahmte. Mit dieser verantworteten Freiheit – einem Prozess, der ein „Sich-Einlassen“ erfordert – spannte er auch den Bogen zur bevorstehenden Attraktivierung der PHDL zwischen 2027-2029 (siehe: Campus7) für eine ganz besondere Lernumgebung am Salesianumweg 3, um als Bildungsinstitution weiterhin nach draußen zu gehen, sich gleichzeitig aber auch noch mehr soziales Engagement und Handeln herein zu holen.
In seinem zweiten Vortrag positionierte der PHDL-Rektor nach der Mittagspause L.E.V. als den praktischen Beweis für das neue Leitbild der PHDL: „Das Bildungsverständnis der PHDL stellt die Würde und Unverfügbarkeit der einzelnen Person in den Mittelpunkt. In einfachen Worten gesagt: dass wir das, wovon wir reden, auch tun.“ Wenn dieses Verantwortungsprinzip mit Initiativen wie L.E.V. ernst genommen wird, entsteht daraus etwas Soziales, Tragfähiges – Demokratie bekommt eine Chance."
Gemeinsam bilden: Teilhabe
Der Besuch von Landeshauptmann Thomas Stelzer unterstrich die gesellschaftspolitische Relevanz des L.E.V.-Projekts. “Wenn ich mir das Roll-up hier ansehe, auf dem ‚Gemeinsam bilden‘ steht, dann ist das eigentlich genau der Anspruch: Dass Bildung so umfassend ist, dass sie unsere Gesellschaft und unsere Gemeinschaft eben bildet. Ich bin der Pädagogischen Hochschule sehr dankbar, dass sie dieses Element [L.E.V.] so massiv in die Studierphase integriert."
Stelzer sehe L.E.V. als wesentliches Element, um Bildung „mitten in der Gesellschaft“ zu verankern und nicht in einem „luftleeren Raum“ zu belassen: „Ein Land darf sich erst dann wirklich stark nennen, wenn es gelingt, dass niemand, der Teilhabe in Anspruch nehmen will, zurückgelassen wird oder das Gefühl hat: Ich bin da irgendwie nicht erwünscht.“
Stelzer brach dabei auch eine Lanze für den oft unterschätzten Kompromiss: „Das ist das Ergebnis von Zuhören und gegenseitigem Respekt. Es geht darum, ein Stück von mir aufzugeben, um eine tragfähige Gemeinschaftslösung zu finden.“ Stelzer sieht auch einen pädagogischen Auftrag darin, die Fähigkeit zum Kompromiss zu trainieren und sich auf die mühsame Suche nach einem gemeinsamen Nenner zu machen.
Dank vom Bildungsminister
Bildungsminister Christoph Wiederkehr sah in seiner Grußbotschaft im L.E.V.-Projekt ein Vorbild für eine Bildung fürs Leben. „Ich bin Ihnen als Organisator:innen sehr, sehr dankbar, dass Sie an Ihrer Hochschule das Lernen mit sozialem Engagement verbinden und so neue Lernräume schaffen, die einen Impact für die Gesellschaft haben.“
Der Mensch als „Charakterbaum“
Bischofsvikar Johann Hintermaier nutzte mit einer bemerkenswerten Naturmetaphorik das Bild des Baumes, um L.E.V. als menschliches Wachstum und gesellschaftliche Vernetzung zu beschreiben. „Wurzeln stehen für Herkunft und Zukunft, Stabilität, Verbindung. Der Stamm steht für Stärke, Beständigkeit. Er ist das Rückgrat des Daseins.“ Und die Äste seien das Ergebnis des Lernens: „Die Krone steht für die Entwicklung, Erkenntnis, geistige Entfaltungen.“
In diesem Sinne sei Engagement wie Wasser und Licht, die den Baum formen, Lernen das langsame Wachsen der Jahresringe und Verantwortung die Pflege dieses Wachstums, ohne die Natur des Baumes (den Charakter des Lernenden) zu erzwingen.
Weil man von klugen Gedanken nie genug haben kann, sei noch ein weiteres Zitat erlaubt: „Engagement. Da steckt das Wort ‚Gage‘ drinnen. Engagement ist aber nicht das Abarbeiten einer bezahlten Aufgabe, das Einstreifen der Gage, sondern ein begeisterter Zugang zur Lebensgestaltung.“
Rechtsstaatlichkeit ohne 'Freiheit in Verantwortung' nicht denkbar
Als ehemalige Höchstrichterin betonte Irmgard Griss die staatspolitische Notwendigkeit des Ehrenamts und unterstrich das neue Leitprinzip von Rektor Reitinger, in dem sie das Gleichgewicht von Freiheit und Recht unterstrich:
„Es gibt keine Freiheit ohne Verantwortung. Wenn wir Freiheit ohne Verantwortung denken, dann heißt das Willkür. Und unser ganzes Rechtssystem baut darauf auf, dass Freiheit und Verantwortung austariert werden.“ Dabei mahnte sie vor den angehenden Lehrkräften im Publikum auch zu Demut und Augenmaß, damit Engagement nicht in Intoleranz umschlägt.
Die transformative Kraft der Zivilgesellschaft
Kulturwissenschaftlerin und Migrationsforscherin Judith Kohlenberger analysierte danach anhand von Beispielen von den Suffragetten bis zur Bürgerrechtsbewegung, wie sich das gesellschaftliche „Wir“ durch zivilgesellschaftliches Engagement – oft auch durch „unbequeme Allianzen“ und beharrlichen Widerstand – geweitet habe: „In Zeiten, wo weniger ‚gesellschaftliche Plastizität‘, weniger Formbarkeit da war, war das nicht denkbar. Plötzlich haben sich in bestimmten Momenten [oft durch Krisen oder massive Umbrüche] Dinge verschoben.“
Im Austausch mit dem Publikum machte sie deshalb Pädagog:innen Mut, an ihre eigene Wirksamkeit zu glauben, dass Engagement im Schulalltag kein Sprint, sondern ein „Dranbleiben“ an den Werten der Demokratie ist, auch wenn der Gegenwind stark ist. Und dass „man keine 51 % der Bevölkerung überzeugen muss. Oft reichen deutlich weniger, um eine gesellschaftliche Norm zum Kippen zu bringen. [...] Wenn der Moment der Plastizität kommt, zählt alles, was wir davor an Argumenten und Gemeinschaften aufgebaut haben.“
Pädagogischer Fokus auf authentische Beziehung
Andreas Peham rückte in seinem Vortrag zur professionellen Extremismusprävention u. a. die Beziehungsarbeit der Lehrkräfte in ihrer pädagogischen Praxis ins Zentrum: „Nicht zu manipulieren, nicht zu überwältigen, aber als authentisches Gegenüber präsent zu sein.“ Diese stabile Präsenz sei die wirksamste Prävention, denn: „Extremismus füllt oft Lücken, die durch fehlende Bindung oder Anerkennung entstanden sind. Schule kann hier als stabiler Ort wirken.“
Von Klimaschutz bis zur Kraft der Fantasie
Nachmittags lenkte Klimaforscher Daniel Huppmann den Blick auf eine globale Aufgabe und leuchtete Chancen und Herausforderungen auf dem Weg zur Klimaneutralität aus. Ökologische Nachhaltigkeit greife in das Konzept der gesellschaftlichen Verantwortung ein.
Frisch aus Südkorea zurück, setzte danach Kinderbuchautor Heinz Janisch unter dem Titel „Schenk mir Flügel“ einen poetischen Akzent, was man mit Büchern in der Bildung alles anstellen kann. Denn Engagement könne auch dort beginnen, wo die Fantasie uns erlaubt, uns in das Leben eines anderen hineinzuversetzen.
Marktplatz der Einrichtungen
Vizerektorin Johanna Fischer ebnete gegen 16:00 schließlich den Weg zum praktischen Herzstück des Tages: dem "Marktplatz der Einrichtungen". Dort werde laut Fischer sichtbar, wo unsere Studierenden Verantwortung übernehmen und wie vielfältig die soziale Landschaft Oberösterreichs sei. Im Anschluss nutzten Studierende die Gelegenheit, direkt mit Vertreter:innen zahlreicher NGOs und Sozialeinrichtungen in den Dialog zu treten und so den Grundstein für zukünftige Projekte zu legen.
Das diesjährige L.E.V.-Event wurde erneut hervorragend von Elisabeth Hueber-Mascherbauer und Astrid Leitner organisiert. Auch die Moderator:innen Martina Müller und Danièle Hollick führten souverän durch das Jubiläumsevent. Die PHDL möchte sich ebenso bei allen Partnern und Einrichtungen für ihr Engagement aus Verantwortung bedanken.
Erste Fotos zu „10 Jahre L.E.V.“
Alle Fotos © PHDL.
