Fachtagung zu Extremismusprävention
BildungLinz – 23. April 2026
Hochklassig. Anders kann man die heutige Fachtagung „Extremismusprävention im Bildungsbereich“ nicht bezeichnen. Die von Amin Elfeshawi (PHDL) und Katharina Fischer (Zentrum Diversität und Inklusive Bildung, PHDL) organisierte Konferenz diskutierte komplexe soziologische Konzepte und markierte eine intellektuelle Tiefe, bei der wissenschaftliche Exzellenz mit unterschiedlichsten methodischen Zugängen auf internationales Topniveau traf und Menschen zusammenbrachte, die normalerweise in getrennten Systemen arbeiten.
Und sie adressierte genau das Dilemma, vor dem Lehrkräfte täglich stehen. Die zentrale Erkenntnis: Radikalisierung in Form von Salafismus oder Dschihadismus muss als Folge einer Identitäts- und Zugehörigkeitskrise begriffen werden, was unmittelbare Relevanz für die pädagogische Praxis hat und neue Wege für die Prävention an Schulen eröffnet.
Pädagogik der Unverfügbarkeit
PHDL-Rektor Johannes Reitinger rahmte in seiner Eröffnungsrede Extremismusprävention als integralen Bestandteil des demnächst aktualisierten Leitbildes der PHDL. Die notwendige pädagogische Antwort auf ideologische Radikalisierung sah er in der Versöhnung von Differenzen und der aktiven Annahme des „Anderen“. Denn: “Der Mensch ist unverfügbar. Er hat sich weder der Fremdbestimmung noch der Gewalt zu unterwerfen. Hierzu müssen wir stehen, hierfür müssen wir handeln.”
Die Brisanz zum Tagungsthema liege nach Amin Elfeshawi – Mitautor der viel zitierten Studie "Moscheeunterricht in Oberösterreich" (Stichwort: "Koranschulen") – darin, dass Salafismus ein historisch junges, aber hochdynamisches Phänomen innerhalb des islamischen Diskurses sei und deshalb eine steigende Relevanz für die Radikalisierungsprävention im deutschsprachigen Schulwesen habe. Denn im internationalen Vergleich sei laut Elfeshawi "auffallend, dass vor allem im deutschsprachigen Raum Salafismus so eine anziehende Wirkung auf junge Menschen hat.“
Prävention als pädagogische Beziehungsarbeit
Aus Sicht der Landespolizeidirektion OÖ unterstrich Clemens Lach (Landesamt Staatsschutz und Extremismusbekämpfung OÖ) die absolute Priorität der Primärprävention. „Wenn diese Jugendlichen in Kontakt kommen mit uns [dem Staatsschutz], dann ist das das letzte Glied der Kette. Der erste und von uns favorisierte Schritt ist, junge Menschen im präventiven Wirken davon abzuhalten, überhaupt in diese Situation zu kommen.“ Das könne nur durch die Zusammenarbeit von Exekutive, Schule und Zivilgesellschaft gelingen.
Frau Masooda Bano (Oxford University) fragte dazu gleich direkt bei Herrn Lach zur familiären Genese salafistischer Motive in Oberösterreich nach. Der Polizei-Funktionär bestätigte, dass es bei Radikalisierungen weniger um die theologische Tiefe des Islam gehe, sondern um das Bedürfnis nach Gemeinschaft und um das Versagen der familiären Sozialisation: “Eltern setzen oft andere Prioritäten und vernachlässigen die emotionale oder religiöse Führung ihrer Kinder.” Außerdem könne hierzulande auch ein Religionswechsel ("religion switch") als Identitätssuche beobachtet werden, was als Symptom für die Suche nach sozialem Halt gedeutet werden könne.
Algorithmen der Angst
Islamwissenschaftler Volker Lohlker (Universität Wien) plädierte in seinem Vortrag zu Video-Salafismus für eine empirisch-nüchterne Analyse der Plattform-Algorithmen auf YouTube und TikTok, um der emotionalisierten und ästhetisch hochwertigen Radikalisierung wirksam zu begegnen. „Das Ziel von YouTube ist: Wie lange halte ich die Leute auf meinem Kanal?" Das gehe über Charisma, Nahbarkeit und Emotionen.
“Es ist diese klassische Drohpädagogik, die sehr stark bei salafistischen Predigern zu spüren ist. Etwa, dass ein Sünder in einer Gemeinde dazu führt, dass Gott die Gebete nicht mehr erhört.” Lohlker kritisierte dabei, dass die medial-politische Öffentlichkeit noch immer schockiert auf dschihadistische Ästhetik wie das “Lachen eines Täters” reagiere, die aber wissenschaftlich längst tiefgreifend analysiert wurden, um eine siegreiche Haltung zu demonstrieren und die Opfer zu dehumanisieren.
Weibliche Narrative der Angst
Margareta Wetchy (Violence Prevention Network) machte in ihrem Vortrag deutlich, dass pädagogische Arbeit die Narrative der Influencerinnen (wie den Wunsch nach Erfolg vs. innerer Leere) verstehen müsse, um Jugendliche dort abzuholen, wo sie für diese Botschaften empfänglich werden. Im Gegensatz zu Männern erfolge die Manipulation bei Frauen eher durch Angst: „Es wird nicht zu Gewalt aufgerufen, aber es wird permanent Angst gemacht. Angst, dass es einen Sheitan (Teufel) gibt, dass man nie weiß, wo er ist.“
Solche Accounts hätten auf Social Media hohe Wirkung, weil sie das Leben (Dunya) entwerten: „Dass wir quasi nur für die jenseitige Welt leben. Das finde ich durchaus beängstigend, wenn eine 16-Jährige sagt: Mein Leben hier ist mir egal." Dabei erwähnte sie auch die Allgegenwärtigkeit der Inhalte, die in zehn Sekunden auf TikTok zu finden sind. Inhalte, “wo man nicht eindeutig sagen kann: Das ist auf jeden Fall Dschihadismus.”
Gegen Stigmatisierung und für Angebote der Zugehörigkeit
Genau diese Differenzierung griff danach Frau Masooda Bano (Oxford University) in ihrem Vortrag auf: Die Gleichsetzung von konservativem Verhalten (wie z. B. das Tragen eines Kopftuchs oder das Ablehnen bestimmter westlicher Lebensstile) mit Radikalisierung sei bei staatlichen Präventionsprogrammen oft problematisch. So verliere man den Kontakt zur Lebenswelt der Jugendlichen. Das stigmatisiere sie.
Und es erschwere die pädagogische Arbeit, da Lehrer:innen zu „Kontrollorganen“ von religiösem Lifestyle werden, statt tieferliegende Bedürfnisse nach Zugehörigkeit zu adressieren. Schließlich sei sozialer Konservatismus nicht zwingend eine Vorstufe zur Gewalt, sondern eine bewusste Identitätswahl. Nur eine sehr kleine Gruppe befürworte physische Gewalt (Militanz/Dschihadismus).
Die Oxford-Professorin plädierte dafür, Jugendliche nicht als passive Opfer von Ideologie zu sehen, sondern als aktive Suchende, die dort landen, wo ihnen die überzeugendste Gemeinschaft und die klarste Identität geboten wird. Prävention müsse daher “bessere” Angebote der Zugehörigkeit („Longing and Belonging“) schaffen. Für die Rolle der Schulen bedeute das: “We need to address the underlying feeling of not being part of the social community.”
Weitere Vorträge und Diskussionsrunde
Anja Zalta (Universität Ljubljana), Petra Aigner (JKU) und Thomas Schlager-Weidinger (PHDL) fokussierten auf die religiöse Sozialisierung in einer pluralen Gesellschaft. Irena Mostowicz (Institute for a Global Sustainable Development) und Amin Elfeshawi (PHDL) zeigten in ihren Vorträgen, wie präventives Handeln durch interreligiöses Verständnis praktisch gelingen kann.
Bei der abschließenden Podiumsdiskussion zeigte sich ein lebhafter Diskurs mit dem Publikum. Ein Kommentar lautete, dass salafistische Radikalisierung durch Organisationen im Hintergrund “über die Kohäsion ihrer inszenierten Parallelgesellschaften orchestriert werden” würden. Entgegnet wurde darauf, dass es sich bei derart Radikalisierten vielmehr um lose und fluide Netzwerke handle, die sich durch einen geringen Grad an Organisationalität auszeichnen und vielmehr über Identitätsentwürfe durch exklusive Kommunikation (z.B. spezielle Sprache und Codes) emergent werden.
Insgesamt lieferte die Fachtagung wertvolle Impulse, um Radikalisierungsprozessen im Schulalltag mit einer Pädagogik der Zugehörigkeit zu begegnen.
Fotos
Eindrücke von der Fachtagung (Foto © PHDL):
