Impulse aus 200 Jahre Schleiermacher
BildungLinz – 30. April 2026
„Lies mal Schleiermacher …“ und „Bei Schleiermacher kannst du lernen …“, hieß es gleich zu Beginn der heutigen PHDL-Tagung in Kooperation mit der Universität Klagenfurt 200 Jahre nach der legendären Vorlesung von 1826 zu den “Grundzügen der Erziehungskunst” von Friedrich Schleiermacher.
Dr. Bernhard Hemetsberger (Uni Klagenfurt) und Dr. Bernadette Hörmann (PHDL) moderierten und organisierten diesen Fachaustauschs zu einem der Vordenker einer sozialen Pädagogik (im Kontrast zu kompetenzorientierten Bildungsmodellen), welche erst in den letzten Jahrzehnten wieder zunehmend gewürdigt wird.
Schleiermacher als "Denker des Sozialen"
Im Eröffnungsvortrag entschleierte ihn der emer. Univ.-Prof. Dr. Michael Winkler (Universität Jena) als „Denker des Sozialen“. Eine rein vernunftgesteuerte Bildung lehne Schleiermacher ab – es sei vielmehr ein „lebendiges Spiel“. Denn „Bildung geschieht im Sozialen, in der Interaktion“. Winkler hob aus Schleiermachers Denken besonders das „Gefühl für das Miteinander“ hervor. Bildung müsse über das „Gefühl“ wirken, um die Verfasstheit („Seele“) des Menschen zu schützen – das setze Bildung nämlich voraus.
Schleiermachers Pädagogik: Atmosphäre statt Belehrung
Beim pädagogischen Handeln lenke Schleiermacher laut Winkler den Fokus weg von der direkten Einwirkung auf das Kind („Bildung kann man nicht erzwingen“). Stattdessen verstehe er Erziehung als „Gestaltung eines Milieus, einer Atmosphäre“, in der Bildung erst möglich wird – also als Schaffung einer anregenden Umgebung und eines sozialen Raums in guter Gemeinschaft, in dem das Kind von selbst wachsen kann. „Atmosphäre“ ist vielleicht der Schlüssel zum Verständnis: ein Kind eben nicht von oben herab zu belehren. Damit werde Bildung als „gemeinsames Tun in diskursiver Kooperation“ definiert.
Bildungsziel: Soziale Freiheit
Für die Gegenwart nutzte der deutsche Professor mit Wiener Wurzeln Schleiermachers Impulse, um als Bildungsziel eine „soziale Freiheit“ zu skizzieren, die ohnehin tief in der menschlichen Existenz verwurzelt sei und nicht einfach durch Erziehungsprogramme hergestellt werden könne.
Was uns zusammenhält
Die Antwort auf die themengebende Tagungsfrage „Was uns in der Gesellschaft zusammenhält?“ sei in Anlehnung an Schleiermacher: Religion, so Winkler. Aber Religion habe bei Schleiermacher wenig mit „Kirche“ zu tun. Sie sei vielmehr säkular und mondan zu verstehen: religio (= Bindung) als lateinischer Begriff, der Bildung ermögliche. Also das, was Menschen verbindet.
Zeitliche und soziale Dimension von Bildung
Abschließend beschrieb der 73-jährige Experte Schleiermachers Verständnis von Entwicklung in einer zeitlichen und sozialen Dimension. Zeitlich, weil Bildung „biographisch bedeutsam“ sei: Da gehe es um den Weg des Einzelnen durch die Zeit. Und „sozial“ werde dieser Weg durch die großen Zusammenhänge wie Familie, Geselligkeit etc. (Schleiermacher spricht von Gütern/Institutionen) durchdrungen.
Bildung passiere mit Schleiermacher gesprochen nach Winkler also genau dort, wo sich diese beiden Linien kreuzen: wenn das Individuum (zeitlich) durch diese Institutionen (räumlich/sozial) geht. Neben dieser deskriptiven Anmerkung hielt Winkler auch qualitativ fest: “Wahre Bildung führt zur sozialen Freiheit.”
Das bedeutet anders ausgedrückt: Wir lassen uns zwar von der Gemeinschaft prägen, aber wir lassen uns nicht von ihr „determinieren“ (festlegen). Bildung sei also kein passives „Belehrt-Werden“, sondern ein aktives „Sich-Einlassen“ auf eine Atmosphäre, die von einer Gemeinschaft (Güter) geprägt ist. Als Quintessenz von Winklers Vortrag bleibt wohl der Satz: „Bildung heißt handeln“.
PHDL-Rektor verbindet Schleiermacher mit PHDL-Zukunft
Faszinierend für eine Begrüßungsrede war, wie PHDL-Rektor Johannes Reitinger bereits zuvor die Brücke zu den später doch sehr abstrakt vorgestellten Thesen Winklers geschlagen hat, um sie auf die aktuelle hochschulpolitische und bauliche Zukunft der PHDL anzuwenden.
Zum einen rekurrierte Reitinger mit „Freiheit in Verantwortung“ als einem der neuen Leitprinzipien der PHDL genau wie in Winklers Ausführungen auf die „soziale Freiheit“ – das hat wohl auch Schleiermacher mit dem „Gefühl für das Miteinander“ gemeint. Dazu gehöre auch Reibung. Reitinger: „Zusammenhalt zeigt sich nicht darin, dass alle dasselbe denken oder tun – sondern darin, dass wir Differenz produktiv machen. Dass wir im Dialog bleiben und gemeinsame Ziele verfolgen.“
Raum und Gemeinschaft
Zum anderen ist die PHDL für ihren Rektor genau der Ort, an dem individuelle Entwicklung der Studierenden auf die Gemeinschaft (bei Schleiermacher: Gut/Institution) trifft. Wenn Winkler also mit Schleiermacher sagt, Erziehung sei die „Gestaltung eines Milieus, einer Atmosphäre“, dann antizipierte Reitinger mit dem Hinweis auf den neuen Campus7 eben genau die Gestaltung jener Atmosphäre, in der Bildung erst möglich wird und in der Raum und soziales Handeln einander bedingen.
In diesem Sinne könnte man mit einem Augenzwinkern behaupten, dass der bevorstehende Campusumbau am PHDL-Standort ein “Schleiermacher-Projekt” hätte sein können.
Weitere Vorträge und Roundtables
Nach dem Eröffnungsvortrag von Michael Winkler folgten Vorträge zu Schleiermachers Theorie der Geselligkeit und seinem Beitrag zur erziehungswissenschaftlichen Metatheorie sowie zu den Zusammenhängen zwischen Ethik, Theologie und Pädagogik. Am Nachmittag fanden zwei Roundtables, weitere Vorträge zur Aktualität von Schleiermachers Denken sowie die Verleihung des Helmut-Engelbrecht-Preises statt.
