Wozu bilden wir (aus)?
BildungLinz – 27. April 2026
Als HS-Prof. Dr. Danièle Hollick am 16. April 2026 in der PHDL-Diskursreihe “Interdisziplinärer Diskurs” den Impuls zum Thema „Bildung: vertraut, umstritten, unverzichtbar?“ gab, wurde in der regen Diskussion danach schnell klar: Der Gesprächsbedarf überstieg den vorgesehenen Rahmen von 90 Minuten.
Hollick begann bei einer Irritation: Bildung gilt als selbstverständlich – ist aber in Ziel und Praxis zunehmend unklar. Entlang klassischer Positionen eröffnete sie ein Spannungsfeld, das sie bewusst auf die eigene Lehre zuspitzte: “Inwieweit gelingt in meinen Seminaren überhaupt noch die Ausbildung von Urteilsvermögen?”, formulierte sie kritisch.
Kant: "Denke selbst!" – Arendt: “Wofür denkst du?”
Mit Wilhelm von Humboldt rückte sie Bildung als Selbstbildung ins Zentrum – als Entfaltung des Menschen jenseits von bloßer Verwertbarkeit. Dem stellte sie eine Hochschullogik gegenüber, die u.a. stark auf Employability zielt. Bei Immanuel Kant werde Bildung zur Mündigkeit: zur Fähigkeit, selbst zu denken. Hollicks zugespitzte Frage: “Erziehen wir noch zur „Menschheit“ – oder zur Anpassung?”
Nach Hannah Arendt vermittle Bildung zwischen Jugend und Welt, Mündigkeit heißt Verantwortung. Ihr Natalitätsgedanke betont mit der Geburt die Chance zur Erneuerung – bei gleichzeitiger Verantwortung der Erwachsenen für die gegebene Wirklichkeit. Mit Theodor W. Adorno werde Bildung zur Prävention gegen Barbarei. Hollick fragte dazu, ob solcher Widerstand gewollt ist – und verwies mit Adorno auf Autonomie als Fähigkeit, „nicht mitzumachen“.
Mit Jacques Rancière (Lernen ist ein Akt der Gleichheit) gesprochen heiße Bildung für Hollick, Studierenden etwas zuzutrauen. Bei Peter Bieri schließlich werde Bildung zur Selbstwerdung: ein "doppeltes Lernen", das Zusammenhänge erschließt und gedankliche Unbestechlichkeit fördert. Entscheidend sei bei ihm: "Bilden kann sich jeder nur selbst, ausbilden können uns andere."
Diskussion: Gibt es das Bildungsideal?
Hollick stellte damit kein einheitliches Bildungsideal vor, sondern ein Spannungsfeld – und die offene Frage, was Hochschulen heute eigentlich tun: ausbilden, bilden – oder beides zugleich? Dem entsprach auch ihre erste Diskussionsfrage: Gibt es das Bildungsideal?
Ein Diskutant betonte, dass ein Bildungsziel notwendig bleibt, auch wenn ein einheitliches Ideal zu starr wäre. An anderer Stelle wurde irritierend gefragt, wie es zu gesellschaftlichen Entwicklungen kommt, die wir längst überwunden glaubten: Handelt es sich um einen Rückfall oder um eine neue Dynamik? Die Gegenposition war nicht weniger provokant: „Es geht nicht darum, Bildung zu verwerfen, sondern ihre Illusionen zu hinterfragen.“
Wenn Bildung nur noch daran gemessen wird, ob sie sofort nutzbar ist („Kann ich das morgen anwenden?“), dann hat sie bereits verloren. Doch die Alternative, eine Bildung, die sich in abstrakten Idealen verliert, ist genauso unzureichend. Die eigentliche Frage lautet: Wie schaffen wir es, beides zu denken: kritische Reflexion und Handlungsfähigkeit?
Zwischen Ideal und Ausbildung
Ob das humboldtsche Bildungsdeal tatsächlich Orientierung bietet oder aktuell problematische Entwicklungen eher nicht verhindern konnte, blieb offen. Hier schienen einer Person Bildungsansätze wie jene von Jacques Rancière am unverdächtigsten – gerade weil sie Gleichheit nicht als Ziel, sondern als Ausgangspunkt denken. Gefragt wurde dazu: “Es wäre interessant zu wissen, inwiefern Rancière die sokratische Methode den Lernenden anvertraut.”
Mehrfach wurde zudem die soziale Dimension von Bildung stark gemacht: Welche Formen von Wissen werden in unserem Bildungssystem überhaupt gestärkt – welche bleiben unsichtbar? Hier meinte jemand, dass das humanistische Ideal bisweilen wie ein „nice to have“ wirke, während im Alltag kompetenzorientierte Logiken dominieren.
Verantwortung der Lehrenden
Eine weitere Person schärfte die Rolle der Lehrenden: Sie tragen nicht nur Verantwortung für ihr Fach, sondern auch für die Welt, in die sie einführen. In Anlehnung an die Friedrich Schleiermacher-Tagung könnte das als doppelte Aufgabe beschrieben werden – Wissen weiterzugeben und zugleich Räume zu eröffnen, in denen dieses Wissen neu gedacht werden kann.
Eine Gegenposition dazu war, dass Verantwortung als Lehrer:in dort endet, wo die eigene Wirksamkeit aufhört. Verantwortlich könne man nur für die Klasse sein, aber die Welt könne man nicht durch das Klassenzimmer retten, selbst wenn man sich in seiner Vorbildfunktion als Lehrer:in durchaus für die Probleme der Welt engagieren darf.
Möglicherweise lag gerade in dieser Spannung die produktivste Pointe des Nachmittags: dass Bildung weder im Ideal noch in der Praxis ganz aufgeht, sondern sich genau dort ereignet, wo beides aufeinander trifft – und gelegentlich aneinander reibt. Oder um es anders zu sagen: Wenn am Ende mehr Fragen als Antworten bleiben, könnte das weniger ein Defizit sein, sondern ein ziemlich gutes Zeichen für gelungene Bildung.
Nächster Interdisziplinärer Diskurs
Wir laden Sie herzlich zur nächsten Diskursreihe am Montag, den 11. Mai 2026 (12:30–14:00 Uhr, AS 01) ein. Mit Dr. Bettina Brandstetter werden wir uns dem Thema ‚Diskurssensibilität: (Religiöse) Bildung inmitten machtvoller Differenzpraktiken‘ widmen.
