Digital, aber nicht egal

Bildung

Kindheit unter Strom

Das Team von "Smart aufwachsen": ein interdisziplinäres Projekt zwischen PHDL und dem KH Barmh. Brüder Linz

Linz – 23. Jänner 2026

Beim Praxis-Pädagog:innentag Primarstufe stand gestern an der PHDL neben dem Projekt "EduMento" (mehrsprachige Online-Trainings für Mentor:innen) ein Thema im Fokus, das Pädagog:innen wie Eltern gleichermaßen beschäftigt: der Einfluss digitaler Medien auf die Entwicklung von Kindern.

Impulse aus Medizin und Pädagogik für Schule und Elternhaus

Dr. Arnika Thiede und Christoph Rosenthaler (beide KH Barmh. Brüder Linz) präsentierten gemeinsam mit dem Projektteam SMART AUFWACHSEN” (mit Petra Traxler, Anna Weghuber, Thomas Wimmer, alle PHDL) aktuelle medizinische, entwicklungspsychologische und pädagogische Erkenntnisse – praxisnah und eindringlich.

"Früher, intensiver Medienkonsum hemmt natürliche Entwicklungsprozesse. In manchen Fällen sprechen wir hier bereits von einer Mediendeprivation. Was Kinder in der frühen Kindheit nicht lernen, ist später nur mit intensiver Förderung und therapeutischem Aufwand nachholbar", so Rosenthaler in seinem freien Vortrag.

Schlaf braucht Dunkelheit

Die beiden Gäste zeigten zudem auf, wie eng digitaler Medienkonsum mit Schlafproblemen, emotionaler Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten und Entwicklungsverzögerungen zusammenhängt. „Digitale Medien beeinflussen nicht nur das Lernen, sondern das gesamte körperliche und emotionale Gleichgewicht von Kindern", führte Kinderärztin Dr. Thiede an.

Problematisch sei u.a. der hohe Blaulichtanteil von Bildschirmen, der die Melatoninproduktion hemmt und damit das Ein- und Durchschlafen erschwert. Thiede: "Kinder kommen dadurch abends nicht zur Ruhe und schlafen schlechter ein und auch durch."

Frühe Kindheit besonders sensibel

Gleichzeitig fördern aufwühlende oder angstbesetzte Inhalte eine erhöhte Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol: "Das hält Kinder dauerhaft unter Strom: innere Unruhe, Stimmungsschwankungen und Schlafprobleme sind die Folge“, so Thiede. 

Der Klinische Psychologe Christoph Rosenthaler ergänzte: „Social Media arbeitet stark mit Angst, weil Angst Aufmerksamkeit bindet – und Aufmerksamkeit ist die Währung der Algorithmen. Das Depressionsrisiko steigt um 13% pro Stunde auf Social Media.“

Sprache entsteht im Dialog

Neben medizinischen Inputs zu Auswirkungen auf die Netzhaut und sogenannten Blindstellen bzw. Skotomen (dunkle Flecken oder Lücken im Sichtfeld) in den Augen der Kinder – etwa durch frühkindliche Netzhautschäden, Degenerationen oder Durchblutungsstörungen – erklärte Dr. Thiede auch, dass Sprache nicht vom Bildschirm gelernt wird, "sondern durch Beziehung, Interaktion und unmittelbare Rückmeldung. Kinder können Phrasen aus YouTube-Videos wiederholen – verstehen sie aber nicht und können sie nicht in den Alltag übertragen."

Ein zentrales Anliegen des Projekts Smart aufwachsen ist es, Eltern und Pädagog:innen für jene Entwicklungsbereiche zu sensibilisieren, die durch frühen und intensiven Medienkonsum besonders beeinflusst werden: Sprachentwicklung, Motorik, Emotionsregulation, Aufmerksamkeit und soziales Miteinander. Die Forschungslage sei eindeutig.

Nicht Verzicht, sondern Verantwortung

„Es geht nicht um Medienverzicht, sondern um bewusste Nutzung, klare Grenzen und echte Begegnung.“ Vielmehr muss es um bewusste, altersangemessene Nutzung, klare zeitliche Begrenzungen und vor allem um Beziehung, Interaktion und Bewegung als zentrale Voraussetzungen für gesundes Aufwachsen gehen. Stichwort: reflexive Medienbildung.

Mehr dazu

Die im Projekt entwickelten Informationsmaterialien bieten dafür konkrete Orientierung und stehen auch mehrsprachig zur Verfügung.

Smart aufwachsen