Erste Antrittsvorlesung an PHDL

Bildung

Neue Professorin: Melanie Holztrattner

Dr.in Melanie Holztrattner als neue Hochschulprofessorin bei der allerersten Antrittsvorlesung an der PHDL

Linz – 6. Mai 2026

„Ich gratuliere Frau Holztrattner zur Professur – und ich gratuliere der PHDL zu dieser Besetzung“, lautete eine Publikumsreaktion zur allerersten Antrittsvorlesung an der PHDL am 5. Mai 2026. Erstmals wurde mit HS-Prof.in Dr.in Melanie Holztrattner am Linzer Salesianumweg eine Professur im Rahmen einer öffentlichen Vorlesung feierlich vorgestellt.

Auftakt zur ersten Antrittsvorlesung

Der Charakter der Abendpremiere zeigte sich schon beim Hereinkommen und unterstrich eine zentrale gelebte Qualität an der Pädagogischen Hochschule am Linzer Freinberg: dass hier der Mensch im Mittelpunkt steht. 

So schaffte es Sohn Lukas (22 Jahre) noch rechtzeitig vom Ausbildungsende in Regensburg (D) zur öffentlichen Vorlesung seiner Mutter in den Hörsaal 1. Auch das Herz-Armband von Tochter Laura (19 Jahre) war ein Zeichen des familiären Rückhalts für die frisch berufene Professorin, deren Vortrag nicht nur Ehemann Jürgen, sondern auch ihre beiden Schwestern und ihre Mama voller Stolz auf den Rängen verfolgten.

Laudationes der PHDL-Spitze

Nach einer musikalischen Einstimmung durch das internationale Musikduo Drankevych/Ondrusova bezeichnete Rektor HS-Prof. PD Dr. Johannes Reitinger vor rund 150 Menschen und den ausliegenden, mit Porträt und Wasserzeichen versehenen Programmkarten die Professur für Elementarpädagogik/Kindheitspädagogik als strategisch „großen Wurf“ für die Hochschule, um sowohl mit der Besetzung als auch mit der Denomination zum Ausdruck zu bringen, dass die Elementarpädagogik gleichwertig der Primarstufen- und der Sekundarstufenpädagogik gegenüber zu betrachten ist.

Der Rektor machte Holztrattners Arbeit zu einem Referenzpunkt für das, wofür die PHDL insgesamt stehen will. Wenn nämlich im Leitbild der PHDL demnächst von „Freiheit in Verantwortung“ die Rede ist, meint man auch, Kinder als „Akteure“ wahrzunehmen: Man gesteht ihnen Freiheit zu, fordert aber zugleich eine pädagogische Begleitung, die sie in die Verantwortung führt. Dieser emanzipatorische Prozess zur Unverfügbarkeit und Würde des Menschen beginne bei den Kleinsten, stellte Reitinger klar, „egal wie alt sie [die Person] ist“.

Danach hob Vizerektorin Mag.a Johanna Fischer, LL.B. nicht nur die unglaubliche Arbeitsmoral der gebürtigen Schwanenstädterin hervor, die bereits vor ihrem offiziellen Dienstantritt maßgeblich an der Konzeption des neuen Bachelorstudiums für Elementarpädagogik an der PHDL mitgewirkt hatte. „Melanie Holztrattner ist eine Kollegin, die zuhört, die unterstützt, die mitdenkt und die wissenschaftliche Arbeit nie gegen Menschlichkeit ausspielt, sondern beides auf wunderbare Art verbindet“, zeichnete Fischer ein besonderes Biografie-Bild des wissenschaftlichen und praxisbezogenen Werdegangs der Neuberufenen, die „ernsthafte Fragen“ stelle, anstatt einfache Antworten zu geben und wissenschaftliche Exzellenz mit menschlicher Nahbarkeit vereine.

Antrittsvorlesung der neuen Hochschulprofessorin

Unter dem mit Spannung erwarteten Titel ‚Kindliches Aufwachsen zwischen Schutz und Akteurschaft‘ eröffnete Holztrattner ihre Vorlesung. Holztrattner begann gleich mit der begrifflichen Einführung von agency (Akteurschaft), also der Fähigkeit von Kindern, aktiv zu handeln und zu gestalten. 

Verständnis von Kindheit

Sie leuchtete u.a. empirisch die Diskrepanz zwischen Ideal und Realität aus, um die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Analyse zu begründen. Etwa auch beim Kindheitsbegriff sowie dem Kontrast zwischen dem, „wie wir Kindheit gerne hätten“, und der realen Praxis: Während Begriffe wie „Spiel“ die öffentliche Vorstellung von Kindheit prägen, zeige die Forschung eine vielschichtige Realität zwischen dem Aufwachsen in Familien und zunehmender Institutionalisierung (immer frühere und längere Bildung, Betreuung und Erziehung in elementarpädagogischen Einrichtungen), so Holztrattner.

Systemische Hürden

Die 38-Jährige widmete sich in ihrer Vorlesung u.a. der harten Realität, wenn das Wohl von Kindern gefährdet ist. Dazu legte sie den Fokus auf die multiprofessionelle Zusammenarbeit im Kinderschutz – und präsentierte Ergebnisse aus einem aktuell laufenden Forschungsprojekt: Während Fachkräfte der behördlichen Kinder- und Jugendhilfe eine Kooperation mit Elementarpädagog:innen zumeist positiv bewerten, fällt die Einschätzung umgekehrt weniger zustimmend aus. Das zeigt sich insbesondere darin, dass die Weitergabe von Informationen als einseitig und oftmals unzureichend wahrgenommen wird.

Tief betroffen machen anonyme Berichte von elementarpädagogischen Fachkräften. So geben 16% der Befragten Behinderungen beim Einreichen von Gefährdungsmeldungen an: Sie wurden bei der Sorge um das Wohl von Kindern von Vorgesetzten oder Trägern aktiv daran behindert, Kindeswohlgefährdungen bei der Behörde zu melden – etwa aus Angst vor Imageverlust, rechtlichen Konsequenzen oder der Belastung des Vertrauensverhältnisses zur Familie.

Etwas erschütternd war Holztrattners Vorstellung zu anonymen Berichten von Fachkräften bei der Behinderung von Gefährdungsmeldungen: Diese schilderten, wie sie von Vorgesetzten oder Trägern aktiv daran gehindert wurden, Kindeswohlgefährdungen zu melden – oft aus Angst vor Imageverlust, rechtlichen Konsequenzen oder dem Verlust des Vertrauensverhältnisses zur Familie.

Das pädagogische Spannungsfeld von Akteurschaft und Schutz

Holztrattner zeichnete das Bild eines permanenten Spannungsfelds: Pädagogik dürfe Kinder weder nur als autonome Akteure (agency) idealisieren, noch sie rein als schutzbedürftige Wesen (Vulnerabilität) betrachten. Beides müsse gleichzeitig im Blick bleiben. Dieses Spannungsfeld auszuhalten, es anzuerkennen und vor diesem Hintergrund aktiv zu gestalten, das brauche und bedeute professionelles pädagogisches Handeln.

Um diese komplexe Balance im Alltag als Fachkraft zu meistern, bedarf es laut Holztrattner einer besonderen Schlüsselkompetenz: „Reflexivität kann als ein Verbindungsstück dienen: zwischen unserem Wissen und dem, was wir in der konkreten Situation tatsächlich tun.“ Reflexion sei allerdings auch kein Allheilmittel. Reflexion könne schlechte Rahmenbedingungen nicht unmittelbar verändern und solle sie nicht ausblenden.

Vision für die Zukunft

Am Ende ihres Fachvortrags beschrieb Holztrattner ein tiefes Ungleichgewicht („Gratifikationskrise“) zwischen den hohen ethischen Ansprüchen der Fachkräfte (z.B. dem Wunsch, Kindern agency zu ermöglichen) und den oft prekären strukturellen Bedingungen. Dies führe entweder zu Überlastung oder zu einer „institutionellen Taubheit“ (bürgerliche Kälte) gegenüber Gewalt. 

Als Vision rief Holztrattner nach einer „dezentrierten Professionalisierung“: Die Verantwortung für gelingende Pädagogik dürfe nicht allein auf der einzelnen Fachkraft lasten. Vielmehr brauche es akademisch fundierte Strukturen mit Raum für Forschung und Diskurs – einen Rahmen, den die PHDL mit dieser neuen Professur nun aktiv eröffnet.

Diskurs mit dem Publikum

An den 50-minütigen Vortrag anschließend wurden unter der Moderation des Rektors drei Fragen aus dem Publikum diskutiert: Erstens wurde die Sorge über den Teufelskreis der Erziehung („Ich wurde so erzogen, also erziehe ich so“) geteilt und gefragt, wie die heute erfahrene Praxis die Erwachsenen von morgen prägen. 

Zweitens wurde kritisch hinterfragt, was es brauche, wenn Fachkräfte verschiedener Professionen (Jugendhilfe vs. Elementarpädagogik) auf Basis erheblicher Unterschiede, etwa in Ausbildung und Status, agieren. Drittens wurde eine „Gegenläufigkeit“ benannt – also die Herausforderung, dass das Fach Elementarpädagogik zwar akademisch wachse, aber gleichzeitig in der Praxis Einsparungen gemacht werden, etwa, wenn Einrichtungen wegen Geldmangel schließen müssten.

Holztrattner führte die Frage nach der strukturellen Verantwortung in einem engagierten gesamtgesellschaftlichen Appell zusammen: "Die Jüngsten unserer Gesellschaft, alle Kinder sollten die besten Bedingungen für ihr Aufwachsen bekommen. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Punkt.“ 

Auf dieses eigentliche Ausrufezeichen als Schlusssatz folgte ein langanhaltender Applaus für eine gelungene Premiere an der PHDL. Der Abend klang musikalisch aus und bot im Foyer bei einem kleinen Umtrunk Raum für einen locker-zugänglichen Austausch über das Vorgetragene.

Eindrücke zur ersten Antrittsvorlesung an der PHDL

Alle Fotos © PHDL

Professur für Elementarpädagogik und Kindheitspädagogik

Seit 1. Oktober 2025 bekleidet Melanie Holztrattner an der PHDL eine Professur für Elementarpädagogik/Kindheitspädagogik. Diese bewusst breit angelegte Denomination trägt dem Anspruch Rechnung, kindliche Entwicklung ganzheitlich zu denken – von den frühen Bildungsprozessen bis hin zu sozialen, historischen und gesellschaftlichen Dimensionen des Aufwachsens.