Raus aus der Identitätsfalle
BildungLinz – 15. Mai 2026
„Erfolgreich habilitiert“ hat sich HS-Prof. PD Dr. Bettina Brandstetter (Institut Wissenschaftstransfer, PHDL) im Frühjahr 2026 nach fünfjähriger Forschungsarbeit – zum höchsten akademischen Grad der Lehrbefähigung veröffentlichen wir demnächst ein Exklusiv-Interview mit ihr.
Mitte Mai gab die bodenständige Mühlviertlerin in der PHDL-Diskursreihe „Interdisziplinärer Diskurs“ einige Impulse zur Frage, wie religiöse Bildung in einer Gesellschaft gelingen kann, die von Polarisierung, Machtstrukturen und Abgrenzung geprägt ist.
Realitätscheck: Zwischen Harmonie und Konflikt
Gleich vorweg: Brandstetters Vortrag ist ein Plädoyer für einen angemessenen Umgang mit religiöser Vielfalt. Ausgehend von einem interreligiösen Forschungsseminar in Innsbruck kontrastierte sie die oft sehr affirmative Haltung von Lehramtsstudierenden zu Interreligiosität mit der gesellschaftlichen Realität.
Die angehenden Religionslehrkräfte verstehen Interreligiosität vor allem als harmonisches „Zuhören und Verstehen“. Die Praxis zeige jedoch ein anderes Bild: Machtverhältnisse, Vorurteile und gesellschaftliche Konflikte prägen die Begegnung zwischen den Religionen häufig. „Interreligiosität wird nicht nur friedlich und freudvoll verhandelt, sondern ist häufig hochkonfliktiv.“
Gefahr der Identitätsfalle
Brandstetter warnte eindringlich vor der „Identitätsfalle“, die von rechtspopulistischen und islamistischen Narrativen gleichermaßen bedient werde. Beide Seiten hätten ein Interesse daran, Menschen auf eine starre kollektive Identität („die Muslime“, „die Christen“, „die Deutschen“) festzulegen. Solche Vereindeutigungen dienten der Abgrenzung und der Stärkung der eigenen Position. "Es handelt sich hier um diskursive Probleme, um strukturelle Probleme, und das bedarf struktureller Lösungen, aber keiner identitären. Das bringt uns nicht weiter.”
Zwischenraum als Gegenmodell zur „Identitätsfalle“
Dem setzt sie das Konzept des Zwischenraums (inspiriert von Homi K. Bhabha) entgegen – jene produktiven Momente, in denen feste Zuschreibungen brüchig werden und neue, vielfältige Formen von Identität und Zusammenarbeit entstehen können. Also etwas, das im Moment der Begegnung neu ausgehandelt wird. "Es wäre notwendig aus unseren Differenzen Zwischenräume aufzumachen, weil dort produktiver gearbeitet werden kann."
Handlungsfähigkeit im Klassenzimmer
Im pädagogischen Kontext (z. B. im Religionsunterricht) schaffe der Zwischenraum laut Brandstetter eine Unterbrechung dieser Machtlogik. Gerade Kinder aus marginalisierten Gruppen (z. B. muslimische Kinder) passen sich oft unbewusst an, um nicht als „fremd“ markiert zu werden. In einem Zwischenraum hingegen bekomme ein Individuum agency (Handlungsfähigkeit): “Ein:e Schüler:in muss nicht mehr ‘der Vorzeigemuslim’ oder ‘der konservative Christ’ sein, sondern kann jenseits dieser Etiketten eigene, vielfältige Positionen formulieren.” Der Zwischenraum kann als Motor für Lernprozesse genutzt werden. Für die Lehrperson bedeutet die Arbeit im Zwischenraum eine hohe Reflexionsleistung. Sie müsse den Raum so moderieren, dass Machtgefälle sichtbar gemacht werden.
Schule als transformativer Ort
Für Brandstetter sollten Schulen und insbesondere der Religionsunterricht als „Kontaktzonen“ und „Heterotopien“ (bei Foucault: Anders-Orte) wirken – als Räume, in denen Machtverhältnisse sichtbar gemacht, dekonstruiert und bearbeitet werden können. Ziel sei eine diskurssensible Religionspädagogik, die marginalisierte Schüler:innen stärkt, statt sie auf stereotype Rollen festzulegen.
Statt naiver Harmonie brauche es eine kritische, selbstreflexive Haltung der Lehrkräfte, die gesellschaftliche Diskurse und eigene Normalitätsvorstellungen immer wieder hinterfragt. Dann könne aus der Schule einen Ort werden, an dem gesellschaftliche Transformation im Kleinen beginnt. Viel “Stoff” für eine reichhaltige Auseinandersetzung nach ihrem Vortrag.
Diskurs: Nationale und religiöse Identität
In der 50-minütigen Diskussion wurde zunächst zum vorgestellten Video mit Leonard Jäger zurecht kritisch hinterfragt, ob man überhaupt von einem „Verhältnis der Deutschen zu den Muslimen“ sprechen kann. Brandstetter und andere betonten, dass eine solche Formulierung gefährlich sein kann. Denn: Es gebe deutsche Muslime, und „Deutschsein“ gehe nicht im Christlichsein auf. Solche Sprachmuster dienten oft der politischen Instrumentalisierung, um Gruppen zu erzeugen, die man ausschließen könne.
Diskurs: Gegenthese zur reinen Dekonstruktion
Während Brandstetter stark auf die Dekonstruktion von “Identitätsfallen” und machtvollen Differenzierungen setzt, meldete ein Diskussionsteilnehmer Bedenken an: Das bloße Dekonstruieren von nationalen und religiösen Mythen und Narrativen sei eine Möglichkeit, aber hinterlasse ein “Vakuum”. Die Frage sei, wie man dieses Vakuum mit neuen, tragfähigen Narrativen und Werten füllen könne, ohne in alte Vereindeutigungen zurückzufallen.
Diskurs: Zwischenraum statt fester Identitäten
Ein zentraler Punkt war die Frage, wie man mit Situationen umgeht, in denen Schüler:innen gar keine klare religiöse Identität artikulieren können oder wollen. Brandstetter plädierte dafür, Identität als fluiden, permanenten Aushandlungsprozess zu verstehen. Statt Menschen auf eine Identitätszuschreibung wie z. B. „der Muslim“ oder „die Christin“ festzulegen, sollten im Religionsunterricht vielfältige Identitäten – wenn auch innerhalb einer klaren religiösen Rückbindung – entstehen können.
Diskurs: Intersektionalität als wichtiges Analysewerkzeug
Brandstetter und einige Teilnehmende betonten die Bedeutung von Intersektionalität für die religionspädagogische Arbeit. Intersektionalität wird dabei als Werkzeug verstanden, das hilft, wahrzunehmen, wie soziale Benachteiligung nicht durch eine einzelne Differenzlinie (z. B. nur Religion), sondern durch das Zusammenwirken mehrerer Linien (Religion, Herkunft, Geschlecht, soziale Lage etc.) entsteht und verstärkt wird.
Diskurs: Religionsunterricht als Ort der Aushandlung
Mehrere Diskutierende warnten davor, Lehrkräften zu viel Verantwortung zuzumuten. In einem stark strukturierten Schulsystem mit knappen Stundenzahlen und institutionellen Vorgaben stoße die Idee eines offenen „Zwischenraums“ schnell an praktische Grenzen. Brandstetter sieht dabei den Religionsunterricht als wichtigen, aber nicht alleinigen Ort für gesellschaftliche Aushandlungsprozesse. Die Frage sei, wie Religionsunterricht anders konzipiert werden kann in einem System, das von Machtverhältnissen durchzogen ist.
Diskurs: Kollektive vs. soziale Identität als Schlüssel zum Zwischenraum?
In der Diskussion wurde von einem Teilnehmer auch eine begriffliche Unterscheidung getroffen: Während beim Konzept der kollektiven Identität eine Gruppe als Referenzpunkt (z.B. religiöse, kulturelle, nationale Identität) gesehen wird, betont der Begriff der sozialen Identität die Identifikation des Einzelnen im konkreten Austausch mit anderen.
Genau in dieser Begriffs-Differenzierung könnte das Potenzial des „Zwischenraums“ liegen, auch um eine Hypostasierung des Identitätsbegriffs zu vermeiden: dieser ermöglicht es, weg von starren kollektiven Zuschreibungen hin zu einer sozialen Identität zu kommen, die im Moment der Begegnung neu ausgehandelt wird. Soziale Identität entsteht nicht durch Festschreibung, sondern durch Austausch mit dem Umfeld – und genau darin sieht Brandstetter die Chance für echte Handlungsfähigkeit (Agency) und vielfältige Positionierungen jenseits der „Identitätsfalle“.
Nächster Diskurs
Die nächste Veranstaltung der Reihe „Interdisziplinärer Diskurs“ findet am Mittwoch, 17. Juni 2026, um 10:30 Uhr an der PHDL im Raum B311 statt. Mag. Dr. Thomas Schlager-Weidinger und Dr. Boris Blahak sprechen dann zum Thema „(V)Ermittlungsverfahren in Sachen K. – Franz Kafka in Schule und Hochschule“.
