Kafka für alle?

Bildung

PHDL-Reihe: "Interdisziplinärer Diskurs"

Dr. Boris Blahak

Linz – 22. Juni 2026

Dass es am 17. Juni 2026 um das Ergebnis einer tief vernetzten Zusammenarbeit zum Kafka-Gedenkjahr ging, wurde den Anwesenden im Raum B311 gleich zu Beginn klar, als Mag. Dr. Thomas Schlager-Weidinger und Dr. Boris Blahak, M.A. in einer weiteren Folge der PHDL-Episode „Interdisziplinärer Diskurs“ zu einer packenden Bestandsaufnahme einluden. Ihr Ziel: Franz Kafka von der Last der verstaubten Schullektüre zu befreien. Ihr Thema: (V)Ermittlungsverfahren in Sachen K. Franz Kafka in Schule und Hochschule.

Was als visionäre Ringvorlesung über Zoom begann, ist zu einer Art Leuchtturmprojekt zwischen mehreren Institutionen und Disziplinen geworden. Ein internationales Fachbuch, das Universitäten von Regensburg bis Prag vernetzt, steht kurz vor der Veröffentlichung.

Kafkas Aktualität für Hochschuldidaktik

Wie aktuell Kafka ist, demonstrierte Boris Blahak anhand einer genialen didaktischen Tiefenbohrung zu einer Schlüsselszene aus dem Roman “Der Process”. Darin soll der Protagonist Josef K. einem italienischen Geschäftsfreund die Stadt zeigen. Josef K. bereitet sich mustergültig vor. Er lernt Vokabeln, büffelt Grammatik und übt die Aussprache. Ein Paradebeispiel für rein kognitives Lernen, wie es viele Studierende kennen. In der Realität folgt das absolute Fiasko: Der Italiener spricht rasenden Dialekt, lacht an unpassenden Stellen, gestikuliert wild und rückt Josef K. körperlich viel zu nahe. 

Blahak machte hier deutlich, wie literarische Texte im modernen Deutsch- und Fremdsprachenunterricht genutzt werden können, um komplexe Phänomene der interkulturellen Kommunikation, der Stereotypenbildung und des kommunikativen Scheiterns greifbar und reflektierbar zu machen. Hier im Konkreten: Die reservierte Kultur des Nordens trifft auf die expressive Kultur des Südens. Für die Lehre sei das ein “Goldschatz”. 

Lernende können diese “Störfaktoren” hautnah analysieren, sie reflektieren eigene Vorurteile und trainieren so ganz praktisch ihre interkulturelle Kompetenz. Nach Blahak müsse man Kafka also nicht immer nur literaturwissenschaftlich betrachten, sondern könne sein(e) Werk(e) als interdisziplinäre Brücke nutzen, um drängende gesellschaftliche Gegenwartsthemen und neue Kompetenzen in der Hochschullehre zu verankern. 

„Gütesiegel“ für ein gutes Gedicht

Danach lenkte Thomas Schlager-Weidinger den Blick auf eine fast vergessene, aber faszinierende Facette: Franz Kafka als Lyriker. Obwohl Kafka vor allem für seine Prosa weltberühmt ist, zeigt sein Umgang mit lyrischen Stellen und Aphorismen ein hohes pädagogisches Potenzial. Sie würden dazu einladen, Studierende aus ihrer analytischen Denkwelt herauszuholen. Gut gesagt. Oder anders betrachtet plädiert Schlager-Weidinger für eine kreative Selbstentfaltung bei Lernenden.

Um Studierenden Kriterien für gelungene Lyrik zu vermitteln, könnten vier Kernkategorien (Konzentration, Reduktion, Irritation, Komposition) unterstützen. Besonders das Zulassen einer „Reserve an Ungesagtem“ bewahre den Texten ihren Zauber – eine Offenheit, in der sich die Lesenden selbst wiedererkennen könnten; Studierende könnten so zu eigenem, kreativem Schreiben und literarischer Urteilskraft ermächtigt werden, so Schlager-Weidinger.

Fragen aus dem Publikum: Kafka für alle?

In der anschließenden Diskussion zeigte sich: Kafka verbindet. Die erste Frage lautete: “Wie gehen Schüler:innen mit Migrationshintergrund oder einer anderen Erstsprache mit komplexen Kafka-Texten um? Wirkt das nicht wie eine zusätzliche Barriere?” Nach Ansicht der Vortragenden nütze Kafka eine bemerkenswert klare, fast nackte Sprache mit sehr wenigen Metaphern. Also kaum. Eben gerade weil seine Texte so offen seien, bieten sie für Muttersprachler und DaZ-Lernende gleichermaßen viel Raum für eigene Interpretationen.

Weiters wurde gefragt, was die eigene Kultur eigentlich sei: “In den Bildungswissenschaften fragen wir uns: Was verstehen Jugendliche heute unter ihrer Kultur? Ist es das, was die Großeltern in Serbien gelebt haben, oder das, was man zu Hause in Österreich tut?” Boris Blahak meinte darauf, das Bild der „eigenen Kultur“, das wir nach außen tragen, sei oft selbst ein stark vereinfachtes Stereotyp. Man picke sich sehr oft die positiven Rosinen heraus. In der Realität leben Jugendliche heute in einer „Transkulturalität“ – sie würden gleichzeitig durch ganz viele verschiedene Mikrokulturen surfen, die sich nicht zwingend ausschließen.

Für Lacher im Publikum sorgte ein Gedankenexperiment aus einer anderen Sparte: “Was würde passieren, wenn der historische Kafka mit seinen damaligen Vorurteilen durch das moderne, globalisierte Italien des Jahres 2026 reisen würde?” Vermutlich wären seine Reaktionen sogar noch extremer, lachte Blahak. Erschreckenderweise seien viele der alten Stereotypen von damals heute noch in den Köpfen. Blahak zog eine charmante Parallele zu seiner eigenen Jugend: Als er mit Anfang 20 das erste Mal nach England reiste, tappte er mangels interkultureller Erfahrung in jedes Fettnäpfchen (etwa beim Händeschütteln). Erst die spätere wissenschaftliche Beschäftigung öffnete ihm die Augen – ein Rüstzeug, das Jugendliche heute durch die Globalisierung zwar früher, aber oft nur oberflächlich mitbekommen.

Ein weiterer humorvoller Impuls: “Gibt es eigentlich Unterschiede darin, wie verschiedene Länder und Kulturen Kafka wahrnehmen? Worauf fliegen zum Beispiel die Amerikaner?” Laut Blahak lohne sich dazu ein Blick auf den weltweiten Tourismus: Während die Amerikaner den Prager Souvenir-Kafka im Nebel als geheimnisvollen „Lonely Ranger“ konsumieren (obwohl Kafka privat wohl nie so einen Hut trug), feiert man ihn im postsowjetischen Raum bis heute als literarischen Widerstandskämpfer gegen übermächtige Staatsapparate. Auch das zeige, wie erstaunlich langlebig Stereotype seien.

Ein Ausblick in unruhigen Zeiten

Was man aus diesen eindrücklichen 1,5 Stunden mitnehmen konnte? Kafka schlägt Brücken. Er zwingt uns, in unsicheren Zeiten genau hinzusehen, wo unsere eigene Kommunikation scheitert und wo kreative Freiheit beginnt.

Auf das kommende Semester darf man sich schon jetzt mit dem nächsten literarischen Appetitmacher mit Blahak und Schlager-Weidinger freuen: „Utopie und Dystopie als literarische Zukunftsentwürfe“. Kafka hätte seine wahre Freude daran gehabt. Im kommenden Studienjahr soll es übrigens sechs weitere Folgen der PHDL-Diskursreihe “Interdisziplinärer Diskurs” geben. Die nächsten Termine werden im Herbst bekannt gegeben.