Martina King im Interview

Wissenschaft

Erfolgreich habilitiert

Dr.in phil. Martina King, Bakk. phil., B. A., MA

Linz – 18. Juni 2026

Ende Mai hat sich Dr.in phil. Martina King, Bakk. phil., B. A., MA an der Universität Passau im Fach „Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Schulpädagogik“ erfolgreich habilitiert – in wenigen Tagen wird die 43-Jährige auch die passende Urkunde in ihren Händen halten. Die Professorin für Bildungsforschung an der PHDL (Institut Ausbildung/Wissenschaftstransfer) verbindet in ihrer Arbeit tiefgehende theoretische Fundierung mit einem weltweit komparativen Blick. 

Ein Gespräch über altruistische Motive in Kuba, den Stellenwert von Erziehungskompetenz in Österreich und die Frage, wie man als zweifache Mutter ganz nebenbei die höchste akademische Qualifikation erlangt.


 

PHDL: Frau King, erst einmal herzlichen Glückwunsch zur bestandenen Habilitation! Ein Meilenstein. Aber warum wissen Ihre beiden Kinder eigentlich nicht, was die Mama da Ende Mai geschafft hat?

Martina King: (lacht) Vielen Dank! Ehrlich gesagt interessiert sich mein fünfjähriger Sohn mehr für Dinosaurier und Lego als für meine wissenschaftlichen Themen (lacht). Wobei mein professioneller Fokus sicherlich auch die häusliche Erziehung prägt. Meine Kinder wachsen mehrsprachig, sehr weltoffen und zugleich bodenständig auf. Außerdem erleben sie eine emanzipierte Mutter, was in der heutigen Zeit sehr wertvoll ist! 

PHDL: Mit 43 Jahren sind Sie ja genau im statistischen Durchschnittsalter für Habilitationen gelandet. Ihr Lebenslauf liest sich allerdings total vielseitig: Sie sind ausgebildete Kindergartenpädagogin, haben Instrumentalpädagogik an der Bruckneruni studiert, waren Musikschullehrerin für Klarinette und sind dann in die Erziehungswissenschaft eingestiegen. Gab es da einen bestimmten Schlüsselmoment, wo Sie gesagt haben: „So, jetzt will ich in die internationale Bildungsforschung“?

Martina King: Ja, rückblickend war mein Auslandsjahr an der University of Maine in den USA – das ich im Rahmen meines Masterstudiums absolviert habe – sehr prägend. Der Kontakt mit Studienkolleginnen und -kollegen aus unterschiedlichen Nationen und die Beschäftigung mit US-amerikanischen Bildungsthemen haben meinen geistigen Horizont sehr erweitert. Ich habe erkannt, wie wichtig es ist, über den nationalen Tellerrand hinauszublicken und wissenschaftliche Inhalte und Problematiken in anderen Ländern zu erforschen. Dieser Perspektivenwechsel ermöglichte es mir auch, Denk- und Handlungsmuster im eigenen Land tiefer zu verstehen. Während meines Auslandsjahres habe ich zudem die Weltsprache “Englisch” vollständig verinnerlicht. Eine wichtige Grundlage, um in der internationalen Bildungsforschung präsent zu sein. 

PHDL: Wenn Sie mit leuchtenden Augen von Ihren Hobbies erzählen, fragt man sich sowieso, woher die Zeit kommt: Sport, Konzertreisen nach China, eine Woche bei einem Stamm am Sepik River in Papua-Neuguinea, und Sie haben sogar den Vulkan Cotopaxi in Ecuador bestiegen – der ist immerhin knapp 6.000 Meter hoch. Hilft Ihre Abenteuerlust auch in der Wissenschaft?

Martina King: (schmunzelt) Ich bin ein sehr offener und neugieriger Mensch, der großes Durchhaltevermögen besitzt und stets neue Herausforderungen sucht. Diese Eigenschaften sind vermutlich der Grund für meine Reiseabenteuer und mein stetiges wissenschaftliches Voranschreiten. Auf meinen Reisen habe ich viel über andere Kulturen und gesellschaftliche Phänomene gelernt. Das hat meine Reflexionsfähigkeit sehr geschärft und ist außerdem wertvoll für meine Profession als Erziehungswissenschaftlerin. 

PHDL: Blicken wir auf Ihre Habilitation. Das ist eine kumulative Arbeit, bestehend aus acht hochkarätigen Fachpublikationen mit Blinded-Review, vier davon auf Englisch. Das Kernstück hat Sie von 2018 bis 2024 zur Erforschung der Berufswahlmotivation von Lehramtsstudierenden weit weggeführt, nämlich nach Kuba. Sie haben dort an den Universitäten in Havanna und Camagüey geforscht. Wie kam es denn dazu?

Martina King: Im Jahr 2018 hatte ich die Gelegenheit, eine vom DAAD [Deutscher Akademischer Austauschdienst] geförderte Gastdozentur an der Universität in Camagüey, einer großen Provinzhauptstadt Kubas, zu absolvieren. Im Rahmen dessen wurde unter anderem der hohe Lehrkräftemangel in Kuba thematisiert und die spanische Version des Fragebogens zur Erfassung der Berufswahlmotivation von Lehramtsstudierenden probeweise eingesetzt. Dabei haben wir festgestellt, dass eine umfangreiche Adaption des Fragebogens an die kulturellen Besonderheiten Kubas erforderlich ist. Zudem habe ich den Fragebogen um den Aspekt des Interesses am Erziehen als möglicher Beweggrund für die Wahl des Lehrberufs erweitert. Es folgte eine mehrjährige Forschungstätigkeit mit Forschungsaufenthalten und Datenerhebungen in Havanna und Camagüey. (Vgl. King & Eder-Jahn, 2026)

PHDL: Und was treibt junge Menschen in Kuba an, Lehrer:in zu werden? Gibt es da Unterschiede zu uns?

Martina King: In Kuba spielt die altruistische Motivation bei der Wahl des Lehrberufs eine dominierende Rolle. Die Lehramtsstudierenden möchten einen sozialen Beitrag für die Gesellschaft leisten und die Zukunft der Kinder und Jugendlichen mitgestalten. Zudem beeinflussen positive Erfahrungen mit den eigenen Lehrerinnen und Lehrern ihre Entscheidung. Mit diesem Motivationsprofil sind die Kubanerinnen und Kubaner übrigens nicht allein! Wie eine von mir durchgeführte Metastudie zeigt, finden sich diese Beweggründe auch in anderen stark kollektivistisch geprägten Ländern wie Kolumbien, Indonesien und China. In individualistischen Ländern wie Österreich, Finnland und Irland sind hingegen die intrinsische Motivation und die eigene Fähigkeitsüberzeugung für die Wahl des Lehrberufs ausschlaggebend. Das ist interessant, aber nicht überraschend, da in unserer Gesellschaft die Menschen eher Wert auf ihre Selbstverwirklichung als auf das Wohl der Gemeinschaft legen. (Vgl. King, 2025

PHDL: Nun gibt es in Kuba aber trotz dieser hohen sozialen Motivation einen eklatanten Lehrermangel. Wie passt das zusammen?

Martina King: Das zweite, leider etwas ernüchternde Ergebnis der Studie war, dass viele Lehramtsstudierende in Kuba gar nicht die Absicht haben, in den Lehrberuf einzusteigen oder ihn längerfristig auszuüben. In dieser Personengruppe gab es auffallend viele Studierende, die Englisch als Fremdsprache studierten. Ein bekanntes Problem im (noch) kommunistischen Kuba ist, dass viele gut ausgebildete Fachkräfte in den besser bezahlten Tourismussektor abwandern. Englischkenntnisse sind auch von Vorteil für eine Migration in die USA, wie sie von zahlreichen jungen Kubanerinnen und Kubanern angestrebt wird. (Vgl. King, 2023)

PHDL: Kommen wir zurück nach Österreich. Im letzten Projekt Ihrer Habilitation haben Sie sich gemeinsam mit einem Kollegen dem Thema „Interesse am Erziehen“ bei österreichischen Lehrkräften gewidmet. Erziehen ist neben dem Unterrichten ja die zweite tragende Säule des Berufs. Wo drückt da der Schuh?

Martina King: Im Berufsalltag mangelt es unseren Lehrkräften ja kaum an fachlicher Qualifikation. Aber das, was im Schulalltag wirklich Kraft kostet und herausfordernd ist, das sind die zwischenmenschlichen Beziehungen. Unsere Daten zeigen, dass sich Lehrkräfte im Bereich des Erziehens weniger kompetent erleben als im Unterrichten. Folglich ist auch das Interesse an Erziehungstätigkeiten geringer ausgeprägt. Das ist nicht verwunderlich, spielt doch der Kompetenzbereich des Erziehens in der Aus- und Fortbildung eine völlig untergeordnete Rolle. (Vgl. King & Krammer, 2026) 

PHDL: Das klingt ja fast nach einem bildungspolitischen Paradoxon.

Martina King: Meiner Meinung nach sollten bildungs- und erziehungswissenschaftliche Inhalte im Lehramtsstudium viel stärker integriert werden. In den jüngsten Reformen in der Lehrkräfteausbildung in Österreich wurden die bildungswissenschaftlichen Studienanteile leider gekürzt. Diese Entwicklung erachte ich als problematisch. 

PHDL: Sie sind an der PHDL Professorin für Bildungsforschung im Institut Ausbildung und ab Herbst wechseln Sie ans Institut Wissenschaftstransfer (IWT). Da schließt sich ja der Kreis zwischen Theorie und Praxis im Landeskontext. Was steht als Nächstes an?

Martina King: Da darf ich gleich ein bisschen Werbung in eigener Sache machen! (lacht) Ich plane gerade gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Tschechien, Estland und Norwegen ein tolles internationales Programm zum Thema Elternarbeit bzw. Family-School Partnerships. Im Rahmen einer Seminarwoche im Oktober in Brünn, Tschechien, werden Studierende und Lehrende verschiedene Wege der Zusammenarbeit mit Erziehungsberechtigten erkunden. Das Programm richtet sich auch an Primarstufenstudierende der PHDL. 

PHDL: Zum Abschluss noch eine ganz praktische Frage, Frau King. Sie tanzen leidenschaftlich gerne Salsa, haben sechs Jahre in Passau geforscht, leben in St. Marienkirchen bei Schärding und arbeiten in Linz. Wenn Sie die Habilitation, das Pendeln, die zwei Kinder und die Bildungsforschung in einen lateinamerikanischen Tanz ummünzen müssten – wäre das eher ein rhythmischer, harmonischer Salsa oder manchmal doch eher ein wilder, kubanischer Mambo?

Martina King: (lacht) Das wäre definitiv ein kubanischer Salsa! Der kann auch sehr schwungvoll sein und vereint verschiedene Richtungen, wie etwa den Son Cubano, Cha-Cha-Cha, Mambo sowie eine Prise Rock. Ja, das beschreibt mein Leben recht gut. 

PHDL: Frau King, vielen Dank für das offene Gespräch, und nochmals herzlichen Glückwunsch!

Martina King: Gerne! Vielen lieben Dank!