Habilitiert: Interview mit B. Brandstetter

Wissenschaft

Diskurssensible Religionspädagogik

 

Die PHDL gratuliert Bettina Brandstetter ganz herzlich zur erfolgreichen Habilitation

Linz – 26. Mai 2026

HS-Prof. PD Dr. Bettina Brandstetter (Institut Wissenschaftstransfer, PHDL) hat sich im Frühjahr 2026 erfolgreich habilitiert und damit die höchste akademische Qualifikation in Österreich erworben. Im Exklusiv-Interview sprachen wir mit der in Wartberg ob der Aist geborenen Religionspädagogin über ihren ungewöhnlichen Weg von der Kindergartenpädagogin zur Wissenschaftlerin, ihre Motivation aus einer Arbeiterfamilie sowie die Herausforderungen einer kumulativen Habilitation. 

Noch etwas genauer haben wir bei der Theologin zu postkolonialen Perspektiven im Religionsunterricht nachgefragt oder dazu, wie Bildung gerechter werden kann – für alle Kinder, unabhängig von Herkunft, Sprache oder Religion. 

 

PHDL: Frau Brandstetter, "frisch habilitiert" – wie fühlt sich das an? Der höchste akademische Grad der Lehrbefähigung nach so einer intensiven Zeit. Ist da jetzt eher Erleichterung, Stolz oder vielleicht auch ein bisschen Leere? Und was sagen Ihre Familie und Ihr Freundeskreis dazu?
Brandstetter: Hm, ehrlich gesagt kann ich es noch gar nicht so richtig fassen. Das Abschlusskolloquium war ein sehr schöner Ernte-Nachmittag im Kreise meiner ehemaligen Kolleg:innen der Universität Wien. Danach ging gleich der Alltag weiter. Erleichterung ist erst im Sommer möglich und dann wird auch gefeiert. Ja, meine Familie und meine Freund:innen freuen sich natürlich sehr mit mir – vielleicht sind sie sogar stolzer als ich.

PHDL: Sie haben ja einen bunten beruflichen Weg durchlaufen – von der Kindergartenpädagogin über die Lehrerin zur Wissenschaftlerin. Was war für Sie persönlich die innere Motivation, sich auf diesen langen Habilitationsprozess einzulassen? 
Brandstetter: Meine Motivation speist sich schlichtweg aus dem Drang, an der Stärkung und positiven Entwicklung unserer Kinder und Jugendlichen mitzuwirken und die zu ermutigen, die dafür im Bildungszusammenhang arbeiten. Dass dieser in eine Habilitation gemündet ist, hat sich Schritt für Schritt so ergeben. Ich komme aus einer bäuerlich geprägten Arbeiterfamilie, bei mir zu Hause gab es keine Bücher. Das erste wissenschaftliche Buch habe ich wohl erst mit 25 Jahren gelesen, ein Studium habe ich mir zunächst gar nicht zugetraut. Aber es gab immer wieder Menschen, die mich ermutigt und dazu motiviert haben, über meine Möglichkeiten hinaus zu wachsen. Dafür bin ich sehr dankbar.

PHDL: Bei Ihnen war es ja eine kumulative Habilitation. 15 Beiträge haben Sie dafür eingereicht – davon mehr als die Hälfte "peer reviewed" – und einige Lexikonartikel. Wie würden Sie jetzt im Nachhinein eine kumulative Habilitation im Vergleich zu einer Monografie bewerten?
Brandstetter: In meiner Dissertation habe ich eine Monographie verfasst, das hat sehr gut zum empirischen Forschungsdesign gepasst. Eine kumulative Habilitation hat den Vorteil, akut jene Themen aufgreifen zu können, die gerade unter den Nägeln brennen. In meinem Fall waren dies Entwicklungen, welche die Zeichen der Zeit aufdrängen, also bei denen Menschen wegen ihrer Behinderung, Herkunft, Sprache, oder Religion in prekäre Lagen geraten oder Benachteiligung erfahren. [Vgl. Brandstetter 2020]

PHDL: Sie haben sich ja stark mit Postkolonialismus, Rassismus und machtvollen Differenzpraktiken auseinandergesetzt. Gibt es einen roten Faden durch die verschiedenen Publikationen, die jetzt zusammen Ihre Habilitation ergeben haben?
Brandstetter: Ja, natürlich. Ich nehme wahr, das wir im Bildungssystem, respektive im Religionsunterricht, oftmals viel zu unbedarft mit ‚Vielfalt‘ umgehen und dabei gar nicht merken, wie sehr wir über unsere Redeweisen und Praktiken dominante Selbstverständnisse und Normalitätsvorstellungen fortschreiben. Kinder und Jugendliche, die als ‚abweichend‘ gelesen werden, haben oft nicht die Möglichkeit, so unbedarft über ihre familiären Erlebnisse und persönlichen Gegebenheiten zu erzählen wie jene, deren Lebensform als ‚normal‘ gilt. Mitunter schweigen sie oder passen sich an, um nicht als ‚fremd‘ oder ‚anders‘ wahrgenommen zu werden. Diesen Kindern und Jugendlichen gilt meine Aufmerksamkeit. In meiner Forschung versuche ich die Diskurse, also jene gesellschaftlichen Denk- und Redeweisen über Menschen zu erschließen, die bestimmte Gruppen zu ‚Anderen‘ machen, benachteiligen oder sogar ausschließen. Ich denke, dass wir im Bildungssystem eine Diskurssensibilität brauchen, um benachteiligende Strukturen und Praktiken wahrzunehmen und zu verändern. Schließlich soll jedes Kind in unserer Gesellschaft, egal wo es herkommt und sich zugehörig fühlt, faire Bildungs- und Partizipationsmöglichkeiten haben. [Vgl. Brandstetter 2023]

PHDL: Wie sind Sie eigentlich zu diesen postkolonialen Perspektiven gekommen? 
Brandstetter: Mit der postkolonialen Brille bin ich über Doktoratskolleg:innen an der Universität Salzburg in Kontakt gekommen und wenn man diese Brille einmal aufhat, dann nimmt man ungerechte Verhältnisse, Fremdmarkierungen von Menschen, Polarisierungen in der Gesellschaft und die Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen im Schulsystem deutlicher wahr – ob man will oder nicht. Ich habe mir schon oft gewünscht, ich hätte eine weniger kritische Brille auf – das würde auch mein Alltagsleben etwas einfacher machen. Ich tu mir schwer, nichts zu sagen, wenn ich beim Wandern oder wo immer rassistische oder polarisierende, ausgrenzende Aussagen wahrnehme. [Vgl. Brandstetter 2026]

PHDL: Ein zentraler Begriff bei Ihnen ist das ‚Othering‘ – also wie wir die ‚Anderen‘ durch bestimmte Bilder und Zuschreibungen erst erzeugen. Wie kann Religionspädagogik dem entgegenwirken, ohne dabei in neue Vereinfachungen oder moralische Fallen zu tappen?
Brandstetter: Die Konstruktion bestimmter Menschengruppen als ‚anders‘ wird nicht in der Schule, respektive im Religionsunterricht erzeugt, sondern ist ein gesellschaftlicher Diskurs, der dort hineinwirkt und reflexiv oft recht schwer zugänglich ist. Im Religionsunterricht taucht dieses Denken zum Beispiel auf, wenn wir über Armut reden und den globalen Süden als bedürftig, abhängig und unterentwickelt darstellen. Dies spricht betroffenen Personen die Handlungsmacht ab und reduziert sie auf ihre Bedürftigkeit. Stattdessen wäre es hilfreich, deren Stimmen Gehör zu verschaffen und sie selbst zu fragen, was sie konkret brauchen und wollen. Im Unterricht kann man versuchen, ein vielfältiges Bild zu zeichnen, indem man viele Geschichten über den globalen Süden erzählt, also etwa auch welche, die das Verantwortungsbewusstsein von Kindern für ihre Familien und ihre sozialen Kompetenzen unterstreicht, aber auch welche von modernen Städten und Universitäten. Die stereotypen Vorstellungen vom unterentwickelten Süden bekommt man sonst auch dann nicht weg, wenn man einem Menschen begegnet, der ‚südländisch‘ wirkt und so schreibt sich das koloniale Denken fort. Als notwendig erachte ich beim Thema Armut aber auch, sich der eigenen Verstrickung in unfaire wirtschaftliche Verhältnisse bewusst zu werden und einen verantwortungsbewussten und nachhaltigen Lebensstil anzuregen. Mit einem christlichen Ethos lässt sich die moralische Frage nicht ganz aussparen, sonst hätte es sein Ziel verfehlt und der Religionsunterricht würde zum Wohlfühl- und Bestätigungsunterricht verkümmern – was er natürlich auch sein darf. [Vgl. Brandstetter 2024]

PHDL: Ihre Arbeit wendet sich ja vor allem an eine Fachöffentlichkeit – lauter peer-reviewte Artikel. Was hat Sie während Ihrer Forschung persönlich am meisten überrascht? Und was können Lehrkräfte oder interessierte Laien aus Ihren Erkenntnissen mitnehmen?
Brandstetter: In meiner Forschung überrascht mich am meisten der direkte Transfer in die alltägliche Lehre – sei es zu Studierenden der Religionspädagogik, der allgemeinen Pädagogik oder der Elementarpädagogik. Meine Thesen und Überlegungen müssen sich stets vor deren Lebens- und Praxiserfahrungen bewähren. Das verlangt mir Übersetzungsleistungen ab. Es ist viel einfacher, komplexe Überlegungen zunächst in einen komplexen Text zu gießen, als sie in eine für Laien verständliche Sprache zu übertragen. Aus der Diskussion meiner Themen mit Studierenden oder Fachkolleg:innen lerne ich persönlich am meisten. Lehrkräfte und interessierte Laien nehmen sich hoffentlich die eine oder andere Irritation mit, weil die Verschiebung der eigenen Denkgewohnheiten bekanntlich Bildungsprozesse auslösen kann. [Vgl. Brandstetter et al. 2021a sowie Brandstetter et al. 2021b]

PHDL: In Ihrer Arbeit lässt sich die Idee einer diskurssensiblen religiösen Bildung herauslesen. Wo sehen Sie die größten Hoffnungen, aber auch die realistischen Grenzen, wenn man das in der österreichischen Gesellschaft umsetzen will?
Brandstetter: Die größte Hoffnung sehe ich in der Bewusstseinsbildung – also in einer sensiblen Wahrnehmung von gesellschaftlichen Macht- und Ungleichheitsverhältnissen und der eigenen Verstrickung in diese aufgrund der Diskurse, die wir dabei führen. Erst wenn ich meine Anteile wahrnehme, kann ich auch meine Handlungsmöglichkeiten erkennen und aktiv werden. Dies schützt allerdings nicht vor eigenen blinden Flecken, die sicherlich auch ich habe. Wünschen würde ich mir, dass wir ungerechte Denk- und Handlungsweisen verlernen und mit hohem Engagement an fairen Bedingungen in unserer Gesellschaft arbeiten. Realistisch ist vielleicht das Ansinnen, dem rechten Gedankengut nicht die Stimme zu überlassen sondern ebenso laut dagegen zu rufen. 

PHDL: Wenn Sie einen zentralen Gedanken für die konkrete Umsetzung Ihrer Forschung in den Klassenzimmern formulieren müssten, was würden Sie sagen?
Brandstetter: Ganz zentral finde ich, mit Menschen anstatt über Menschen und ihre vermeintlichen Unterschiede zu sprechen. Dass man schon ganz kleinen Kindern sehr viel mehr zutrauen kann, als man gemeinhin denkt, habe ich in meinem ersten Beruf als Elementarpädagogin erfahren. Die Schultätigkeit hat mich gelehrt, dass Kinder und Jugendliche gesehen und mit ihren Lebenseinstellungen und Fragen ernst genommen werden wollen. Von dort aus lassen sich ihre Selbstverständnisse analysieren und gegebenenfalls alternative Denkweisen und Handlungsformen aushandeln, die nicht nur sich selbst, sondern eine solidarische Klassengemeinschaft im Blick haben. Bildung zur Mündigkeit entsteht nicht über Verbote oder Disziplinierung, sondern über Beziehung, Dialog und Vertrauen. Religiöse Bildung hat hier einiges zu bieten, weil sie den konkreten Menschen ins Zentrum stellt und jede Person mit unbedingter Würde ausstattet, gleich welcher Herkunft, Begabung, kultureller oder religiöser Zugehörigkeit.

PHDL: Frau Brandstetter, jetzt mal ganz ehrlich: Nach fünf Jahren Habilitations-Marathon – dürfen Sie jetzt endlich ausschlafen oder liegt schon das nächste Forschungsprojekt auf dem Schreibtisch? Man hat ja fast ein bisschen Angst zu fragen…
Brandstetter: Ausschlafen ist erst im Sommer angesagt, zurzeit beansprucht mich vor allem die Lehrstuhlvertretung in Freiburg noch einigermaßen. Und ja, nach der Sommerpause geht’s auf in die nächste Projektplanung – nach viel theoretischer Arbeit möchte ich wieder ins Feld gehen und die Praxis solidarischen Zusammenlebens in Religionsunterricht und Schule aufspüren. Wer weiß, was es dort für mich zu lernen und für andere sichtbar zu machen gibt.

PHDL: Vielen Dank für das Gespräch.
Brandstetter: Ich danke Ihnen! 

Die Literaturverweise zu den Publikationen von Bettina Brandstetter finden sich jeweils direkt nach den entsprechenden Absätzen.
Wir gratulieren Bettina Brandstetter sehr herzlich zur erfolgreich abgeschlossenen Habilitation und wünschen ihr einen erholsamen und kraftspendenden Sommer!